top of page
annie-spratt-qWK8XwSM6-E-unsplash-3.jpg

Soll dein Pferd funktionieren oder mit dir in den Dialog treten?

  • vor 15 Stunden
  • 23 Min. Lesezeit
Die meisten Menschen begegnen Pferden mit einer einfachen Annahme:
Pferde sind Fluchttiere – sie reagieren. Doch wer Pferde wirklich beobachtet, merkt schnell, dass mehr in ihnen vorgeht. Sie denken, wägen ab, erinnern sich, entwickeln Strategien und treffen Entscheidungen. Die entscheidende Frage ist also nicht nur, wie wir Pferde trainieren, sondern welche Seite ihres Wesens wir dabei fördern: ihre Reaktivität – oder ihre Fähigkeit zu denken.

Möchtest du ein reaktives oder kognitives Pferd an deiner Seite haben?

Pferde werden oft als Fluchttiere beschrieben – Lebewesen, die bei potenzieller Gefahr sofort die Flucht ergreifen. Diese einseitige Sichtweise hat bestimmte, traditionelle Umgangsformen mit Pferden geprägt, die auf schnelle Kontrolle und Sicherheit abzielen. Dabei sind sie so viel mehr, als nur das – denn ja, Pferde verfügen über instinktive Reaktionen, die in bedrohlichen Situationen zum Tragen kommen. Gleichzeitig zeigen sie aber in sicheren und vertrauten Umgebungen auch ganz andere Seiten, die ich in diesem Beitrag unter anderem näher erläutern möchte.


Sie denken, planen, wägen ab, treffen Entscheidungen und lernen aus den Konsequenzen. Sie stellen sich (je nach Charakter) bewusst ihren Ängsten, um sie besser einsortieren und vielleicht sogar komplett überwinden zu können.


So stellt sich also die Frage: möchtest du eher die Reaktivität des Pferdes – also seine schnellen, instinktiven Reaktionen – unterstützen und fördern, oder eher die Kognitionsfähigkeit, seine Fähigkeit zu reflektieren und eigenständig Entscheidungen zu treffen?


Dieses Thema ist zwar auch Teil der Lerntheorien – auf die ich hier für die Mitglieder noch genauer eingehen werde – aber „Reaktivität“ und „Kognition“ sind hier schon essenziell für einen echten Perspektivwechsel. Wenn wir erkennen, dass Pferde nicht einfach nur auf Reize reagieren, sondern dass so viel mehr in ihnen vorgeht, wird klar, wie komplex ihr Verhalten wirklich ist. Und mit dieser Erkenntnis wird auch deutlich, dass das Zusammenleben in einer Herde bzw. Gruppe weit mehr ist als das, was wir bisher gelernt haben.


Wir neigen dazu, alles auf einfache Konzepte herunterzubrechen – „Dominanz und Rangordnung“ oder „Fluchttier mit Reiz-Reaktions-Schema“ – weil es uns ein Gefühl von Sicherheit und Kontrolle gibt, da klar definierte Reaktionen vorhersehbar und trainierbar erscheinen. Doch in Wahrheit ist es weit vielschichtiger.


Damit du eine Vorstellung hast, wie sich Reaktivität und Kognition im Pferd zeigen, möchte ich dir ein paar Anhaltspunkte dazu geben:


Das reaktive Pferd

Reaktivität wird häufig als die „normale“ Pferdenatur betrachtet – schnelle, reflexartige Reaktionen, geprägt durch die instinktiven Mechanismen eines Fluchttieres. Doch diese Art des Verhaltens wird oft unbewusst durch den Menschen gefördert.


Ein Pferd in der Reaktivität:
  • Zeigt schnelle, reflexartige Reaktionen, ohne innezuhalten oder abzuwägen.

  • Ist Oft konditioniert auf sofortige Antworten, reagiert prompt auf Kommandos – ohne eigenes Nachdenken.

  • Neigt zu Unsicherheit oder Überreaktionen, weil es gelernt hat, auf Reize mit Geschwindigkeit statt Gelassenheit zu reagieren.

  • Braucht häufig Desensibilisierung, um Reize „abzuhärten“, da es oft auf Umweltreize überempfindlich reagiert.

  • Steht häufig still und „wartet“ auf Anweisungen, anstatt selbst aktiv zu werden oder seine Umgebung zu erkunden.

  • Kann dissoziieren, wenn es sich überfordert fühlt – steht dann regungslos da, erscheint „brav“, ist aber innerlich abgeschaltet.

  • Wirkt auf den ersten Blick gehorsam, bleibt aber abhängig von ständiger Führung und Vorgaben.

  • Lernt in starren Mustern, die sich auf Reiz-Reaktions-Schemata begrenzen und wenig Flexibilität zulassen.

  • Kann anfälliger für Stress sein, da es nicht gelernt hat, eigenständige Lösungen zu finden und flexibel zu reagieren.



Das kognitive Pferd

Ein kognitiv gefördertes Pferd ist kein „gehorsames“ Pferd im klassischen Sinne, sondern eines, das eigenständig denkt, Entscheidungen trifft und Verantwortung für sich selbst übernimmt.


Ein Pferd in der Kognition:
  • Denkt und wägt ab, bevor es reagiert – nimmt sich Zeit, Situationen zu beurteilen.

  • Erkundet aktiv seine Umgebung, schnuppert, beobachtet und analysiert Reize, anstatt sie reflexartig zu meiden.

  • Zeigt Neugier statt Flucht, sucht die Auseinandersetzung mit neuen Dingen und probiert aus.

  • Braucht keine Desensibilisierung, weil es gelernt hat, sich mit neuen Reizen bewusst auseinanderzusetzen.

  • Interagiert freier mit seiner Umwelt, ohne ständiges Warten auf Anweisungen des Menschen.

  • Fühlt sich sicherer in sich selbst, weil es gelernt hat, dass es durch Nachdenken und erforschen Herausforderungen bewältigen kann.

  • Geht Herausforderungen mit Ruhe an, anstatt hektisch oder panisch zu reagieren.

  • Zeigt eine hohe Anpassungsfähigkeit, da es flexibel im Denken ist und auf Veränderungen durch bewusste Entscheidungen reagiert.

  • Entwickelt eine partnerschaftliche Beziehung zum Menschen, in der Vertrauen durch Interaktion und nicht durch Kontrolle entsteht.

  • Initiiert von sich aus, zeigt kreative Lösungsansätze und entwickelt eigene Ideen in der Zusammenarbeit mit dem Menschen.

  • Hat eine stärkere innere Balance, da es weniger von äußeren Einflüssen getrieben ist, sondern auf seine eigenen Ressourcen vertraut bzw. auf die Co-Regulation mit seinem Menschen.



Training & Beziehung Aus einem anderen Blickwinkel

Natürlich ist das Alles dennoch sehr einfach betrachtet. Denn auch hier breche ich ein unfassbar komplexes Thema – die Innenwelt des Pferdes – auf zwei Themen herunter. Mir ist wichtig anzumerken, dass das Training, der Mensch mit seiner ganz individuellen Art und seinen eigenen, persönlichen Themen einen enormen Einfluss auf das Pferd hat. Pferde können genauso in toxischen Beziehungen mit ihrem Menschen feststecken, wie wir unter uns Menschen. Um dir ein Gefühl dafür zu geben, was ich genau damit meine, möchte ich ein Thema aufgreifen, welches ich in einem bereits erschienen Blog-Artikel tiefer beleuchtet habe:


Wenn also ein Pferd unter dem Deckmantel der "Dominanz und Rangordnung", sowie dem "Reiz-Reaktions-Model" trainiert wird, wirst du vielleicht erkennen, welches toxische Beziehungsmuster dahinter stecken könnte.

Diese Art des Umgangs erinnert in vielen Aspekten nämlich an toxische Beziehungsmuster, wie wir sie auch unter uns Menschen kennen – insbesondere in narzisstisch geprägten Dynamiken. Das Pferd wird in eine Rolle gedrängt, in der es nicht mehr als eigenständiges, fühlendes Wesen wahrgenommen wird, sondern sich an die Erwartungen des Menschen anpassen muss, um Konflikte zu vermeiden. Dabei verlieren Pferde nach und nach den Zugang zu ihren eigenen Bedürfnissen und Strategien, um Herausforderungen eigenständig zu meistern. Statt in einen natürlichen, gleichwertigen Dialog zu treten, wird ihnen vermittelt, dass ihr Verhalten ständig kontrolliert und korrigiert werden muss. Dies führt dazu, dass sie entweder in erlernte Hilflosigkeit fallen oder – je nach Charakter – mit Widerstand und Frustration reagieren.


Ich möchte damit niemanden angreifen oder absprechen, dass das Pferd abgöttisch geliebt wird. Das Problem ist nicht der Mensch und dass er das absichtlich macht, weil er Spaß daran hat, sein Pferd zu unterdrücken. Das Problem liegt darin, dass diese Methoden, ohne diese tiefer zu hinterfragen, übernommen und weitergegeben werden – oft, weil sie scheinbar so gut funktionieren.

Nicht, weil das Pferd verstanden hat, dass der Mensch der Boss ist und sich nun sicher fühlt. Nicht, weil es durch das „Wer bewegt wen“-Prinzip bzw. das Reiz-Reaktions-Training nun eine bessere Beziehung zum Menschen hat. Auch nicht, weil es durch die Desensibilisierung verstanden hat, welche Reize es ignorieren und auf welche es reagieren soll. Sondern weil Pferde äußerst kooperative Lebewesen sind, die gelernt haben, in sozialen Strukturen effizient zusammenzuarbeiten. Sie sind sozial anpassungsfähig und haben ein feines Gespür für die Absichten ihres Gegenübers. Sie warten nur darauf – oder kämpfen dafür – dass sich ihre Menschen weiterentwickeln und verstehen, wie Pferde in ihrer wahren Natur wirklich sind.


Hier behandle ich dieses Thema "Dominanz & Rangordnung" noch ausführlicher und aus weiteren Perspektiven:

Blog-Beitrag

Warum soziale Dynamiken bei Pferden oft falsch als Dominanz und Rangordnung gelesen werden




Reaktivität und Kognition aus verhaltensbiologischer Sicht:

reaktives und exploratives Verhalten

Da ich in dem vorherigen Abschnitt die Reaktivität und Kognition etwas angeschnitten und vor allem eher miteinander verglichen habe, wollte ich hier noch einen weiteren, ergänzenden Blickwinkel mit dir Teilen – den der Verhaltensbiologie. Denn in der Verhaltensbiologie beschreibt man das Verhalten von Pferden häufig über zwei grundlegende Zustände: reaktives Verhalten und exploratives Verhalten.


Reaktives Verhalten dient dem Überleben. Es wird durch das Nervensystem aktiviert, wenn ein Pferd schnell reagieren muss – bei Unsicherheit, Druck oder potenzieller Gefahr. In diesem Zustand entscheidet das Gehirn nicht lange. Es reagiert. Schnell, instinktiv und effizient.


Exploratives Verhalten hingegen entsteht, wenn sich ein Pferd sicher genug fühlt, um seine Umwelt aktiv zu erforschen. Statt reflexartig zu reagieren, beginnt das Pferd zu beobachten, zu testen, zu vergleichen und eigene Lösungen zu entwickeln.


Man könnte auch sagen:

Reaktives Verhalten hilft einem Pferd, Gefahren zu überstehen.

Exploratives Verhalten hilft ihm, die Welt zu verstehen.


Beides gehört natürlich zur Natur eines Pferdes – doch die entscheidende Frage ist dennoch: Welcher dieser Zustände wird durch unseren Umgang stärker gefördert?


Viele klassische Trainingsformen arbeiten – oft unbewusst – hauptsächlich mit den Mechanismen der Reaktivität. Reize, Druck, klare Signale und schnelle Antworten halten das Nervensystem des Pferdes in einem Zustand, in dem schnelle Reaktionen gefragt sind. Doch wollen wir das Pferd ja nicht stetig in einem hochreaktiven Nervensystem trainieren, oder? Zumal mittlerweile ja bekannt ist, dass Stress im Pferd das Lernen verlangsamt – wenn nicht sogar komplett blockieren kann (das ist übrigens auch häufig der Grund, warum Pferde nach einer Übung die Lippen lecken oder abkauen – das ist meist kein Zeichen von Verständnis, sondern ein Calming Signal, bzw. ein Regulationsmechanismus).


Genau hier öffnen sich neue Fragen über das Lernen von Pferden. Fragen, die weit über die Vorstellung hinausgehen, dass Pferde lediglich auf Reize reagieren. Und genau an dieser Stelle lohnt es sich, einen genaueren Blick auf die Lerntheorien zu werfen, die unseren Umgang mit Pferden – oft ohne dass wir es merken – bis heute prägen.


Denn erst wenn wir verstehen, wie Lernen überhaupt erklärt wird, können wir wirklich beginnen zu hinterfragen, wie wir mit unseren Pferden lernen möchten.



Wenn du eine Mitgliedschaft hast, kannst du einfach weiterlesen.

Wenn dich das Thema interessiert und du noch tiefer eintauchen möchtest, kannst du hier nachsehen, ob was passendes für dich dabei ist:



Weiter geht es als Mitglied

Im nächsten Abschnitt tauchen wir tiefer in die Welt der Lerntheorien ein.
Du erfährst, welche Mechanismen hinter verschiedenen Trainingsmethoden stecken, wie Pferde diese psychologisch wahrnehmen – und warum viele Ansätze so gut funktionieren, obwohl sie gleichzeitig ihre Grenzen haben.

<3 Christina


Néo und ich 2014 noch voll im Behaviorismus

        Möchtest du weiterlesen?

        horsensation.com abonnieren, um diesen Beitrag weiterlesen zu können.

        bottom of page