Warum soziale Dynamiken bei Pferden oft falsch als Dominanz und Rangordnung gelesen werden
- vor 2 Tagen
- 14 Min. Lesezeit
Was wäre, wenn alles, was du über Rangordnung in Pferdeherden gelernt hast, nicht stimmt? Was, wenn das „dominante“ Pferd gar nicht am Ranghöchsten ist, sondern ein verletztes Wesen in Selbstschutz? Was, wenn unsere Sicht auf Pferde nicht ihre Wahrheit zeigt, sondern nur unseren eigenen Filter?
Dieser Artikel soll dich einladen, eine neue innere Haltung einzunehmen, Mut aufzubringen hinzusehen und sich die Frage zu stellen: "Was, wenn einer scheinbar vertrauten Dynamik aus einem anderen Blickwinkel plötzlich eine ganz andere Wahrheit innewohnt?"

Nichts wird so missverstanden und ist nach wie vor so stark verbreitet, wie das Konzept von Dominanz und Rangordnung
Wenn das Pferd Widerstand oder andere unerwünschte Verhaltensweisen zeigt, wird häufig erklärt, dass das Pferd dominant sei. Dass es diskutieren will und dass es wichtig sei, als Mensch dabei das letzte Wort zu haben. Heutzutage wird dieses Konzept deutlich weicher umschrieben – wohingegen ich noch das plumpe "Der verarscht dich doch, hat keinen Respekt vor dir! Setz dich mal richtig durch, zeig ihm wo der Hammer hängt und dass du der Boss bist!" kenne. Vielleicht du auch noch?
Dabei ist das Konzept der "Dominanz" eine anthropozentrische* Interpretation, bei der wir unsere eigenen sozialen Strukturen auf das Verhalten der Tiere projizieren.
Wenn wir mit diesen Hintergedanken bzw. Weltbild auf Situationen / Dynamiken blicken, sehen wir durch einen Filter und nehmen das wahr, was wir denken zu wissen – ob bewusst oder unbewusst. Dieser Filter prägt das, was wir am Ende wahrnehmen.
Wenn du also daran glaubst, dass ein Pferd in der Rangordnung nach oben steigen will und durch sein Verhalten immer wieder deinen Rang oder den Rang eines anderen Pferdes in Frage stellt, wirst du auch nur das sehen bzw. wahrnehmen – immer wieder. Und höchstwahrscheinlich auch dementsprechend reagieren. Wenn du aber daran glaubst, dass Pferde kooperative Wesen sind, die das Konzept von Dominanz überhaupt nicht verstehen, wirst du in den selben Interaktionen plötzlich ganz andere Dinge wahrnehmen.
Was das Konzept der Dominanz sehr unterstützt, ist der Glaube, dass Pferdeherden eine hierarchische Struktur aufweisen. Ein Pferd, welches auffällig andere Pferde umher schickt, sich um Ressourcen prügelt, beißt oder kickt, wird häufig als Ranghöchstes Pferd interpretiert. Es setzt sich durch, die anderen Pferde akzeptieren es bzw. gehen diesem Pferd von vornherein aus dem Weg. Rangordnung geklärt.
*Anthropozentrismus:
Eine menschzentrierte Sichtweise, bei der der Mensch den Mittelpunkt aller Betrachtungen bildet und seine eigenen Werte, Denkweisen und Verhaltensmuster auf andere Lebewesen oder die Natur projiziert.
Das Konzept: "Wer bewegt wen"
Aus genau solchen Beobachtungen entstand übrigens das Konzept „Wer bewegt wen“. Es basiert auf der Annahme, dass ein ranghöheres Pferd in der Herde dazu in der Lage ist, rangniedrigere Pferde zu bewegen, und dass diese Dynamik die Hierarchie innerhalb der Gruppe definiert. Dieses Konzept wurde auf den Umgang mit Pferden übertragen, mit der Überzeugung, dass das Bewegen des Pferdes durch den Menschen die Beziehung stärkt und ihn in eine ranghöhere Position bringt. Doch Pferde bewegen einander nicht, um Macht auszuüben oder eine Rangordnung zu etablieren. Sie tun es, weil sie situative Bedürfnisse haben. Diese Verhaltensweisen basieren nicht auf Dominanz, sondern auf Kommunikation und Koordination innerhalb der Herde bzw. Gruppe.
Wenn wir uns von dem Gedanken lösen, dass Pferde durch eine starre Rangordnung bestimmt werden, und stattdessen erkennen, dass sie kooperative Wesen mit spezifischen Rollen / Aufgaben sind (darauf gehe ich auch noch genauer ein), wird plötzlich sichtbar, wie fein abgestimmt und harmonisch ihre sozialen Strukturen wirklich sind.
Doch warum gibt es dann Pferde,
die sich so verhalten?
Kehren wir zu dem Pferd zurück, dessen extremes Verhalten als Ranghoch interpretiert wird. Häufig verbirgt sich hinter solchem Verhalten eine tiefere Ursache – innere Themen oder Selbstschutzstrategien, die aus traumatischen Erfahrungen entstanden sein könnten. Pferde reagieren auf Stress oder Missverständnisse – je nach Charakter – entweder mit scheinbar dominanten Verhaltensweisen oder fallen in erlernte Hilflosigkeit bzw. Dissoziation*.
Obwohl Pferde ganz anders ticken als wir Menschen, können sie genauso unter psychischen Belastungen leiden, die ihr Handeln prägen. Diese Themen können ihre Wurzeln in gewissen Trainingsweisen, sowie der Erziehung und Beziehung zu einem oder mehreren Menschen haben, aber auch in Erlebnissen wie Futterverknappung, häufigen Umzügen oder toxischen Beziehungen mit anderen Pferden. Selbst die Beziehung zur Mutter-Stute spielt eine wichtige Rolle: Dynamiken in der Aufzuchtphase können ein Fohlen oder Jungpferd nachhaltig prägen – sowohl positiv als auch negativ.
*Dissoziation:
Dissoziation bedeutet, dass sich das Pferd innerlich zurückzieht, um mit einer als überfordernd empfundenen Situation zurechtzukommen. Es wirkt dabei äußerlich ruhig oder gehorsam, ist aber innerlich nicht mehr präsent – ein Schutzmechanismus, bei dem das Pferd „abschaltet“, um seelisch zu überleben.
Mythos Leitstute
Durch den Glauben einer Rangordnung innerhalb einer Herde bzw. Gruppe, hält sich immer noch der Mythos der Leitstute (oder auch Leithengst) in der Pferdewelt. Weil eine/r muss ja anführen, oder?
Doch was ist, wenn das alles wirklich nur ein Mythos ist? Durch die anthropozentrische Brille betrachtete Interpretation von Verhaltensweisen, die aus dem Zusammenhang gerissen wurden?
Übung
Für den Perspektivwechsel
Folgend findest du einen Link zur „Pferderevue“, in dem eine Studie zusammengefasst wird, die auf dem Mythos der Leitstute basiert. Lies den Artikel einfach ganz neutral und offen durch. Nimm dir Zeit und kehre dann wieder hierher zurück. Bis gleich. 😊
Fertig mit dem Lesen?
Dann geht es nun hier weiter...
Nun ist dir bestimmt aufgefallen, dass auch in diesem Artikel von „Rängen“ und „Hierarchie“ die Rede ist. Diese anthropozentrische Sichtweise hat eine lange Geschichte und wurde erstmals 1922 von Thorleif Schjelderup-Ebbe bei Hühnern beobachtet. Daher stammt übrigens auch der Begriff „Hackordnung“, da dies die erste wissenschaftliche Arbeit war, die Dominanz und Rangordnung in sozialen Strukturen von Tieren untersuchte. Seit dieser ersten Beobachtung wurde das gleiche Konzept einfach auf andere Spezies übertragen, ohne zu hinterfragen, ob es überhaupt auf diese Tierart zutreffend sein könnte.
Eine der wohl einflussreichsten, aber auch oft missverstandenen Aussagen stammt übrigens von Charles Darwin: „Survival of the fittest.“ Viele interpretieren das als „Überleben des Stärkeren“, doch das Wort fittest bedeutet eigentlich „am besten angepasst“, nicht „am kräftigsten oder dominantesten“. Dieses Missverständnis hat über Jahrzehnte unser Denken geprägt – und genau dieser Filter beeinflusst bis heute die Art, wie wir das Verhalten der Tiere beobachten und interpretieren.
Ein neuer Blick auf die Herdenstruktur
Doch lass uns den Text der „Pferderevue“ einmal aus einer neuen Perspektive betrachten: Was wäre, wenn es nicht um Rang, sondern um Beziehungen ginge?
Stell dir vor, das erste Pferd entfernt sich von der Gruppe – das zweite Pferd folgt ihm, nicht aus Hierarchiegründen, sondern weil sie eine enge Bindung haben. Es fühlt sich in der Nähe seines Freundes wohl und sicher. Das zweite Pferd – eine Stute – hat ein Fohlen und ein weiteres Jungpferd an ihrer Seite, die ebenfalls folgen – nicht aufgrund dessen, dass das erste oder zweite Pferd einen „höheren Rang“ hätten, sondern weil die Verbindung und das Gefühl von Sicherheit und Sympathie sie zusammenhält.
Wenn andere Pferde an Ort und Stelle bleiben, liegt das ebenfalls nicht daran, dass die Pferde, die sich von ihnen entfernt haben, einen zu niedrigen „Rang“ haben, sondern schlicht daran, dass ihr aktuelles Bedürfnis – beispielsweise Fressen oder Ruhen – für sie gerade wichtiger ist. Pferde handeln also in sozialen Gruppen situativ, angepasst an Beziehungen und Bedürfnisse, nicht nach einem starren hierarchischen Schema.
Was das für dich als Mensch bedeutet
Wenn wir die Herde nicht als starres Ranggefüge, sondern als soziale, beziehungsbasierte Struktur verstehen, wird deutlich, worauf es im Umgang mit Pferden wirklich ankommt. Es geht nicht darum, Vertrauen durch systematisches Training oder Dominanzgehabe zu gewinnen, sondern durch gemeinsame, qualitative Zeit und eine friedvolle Beziehungspflege – durch den Aufbau einer echten Freundschaft. Das bedeutet nicht, dass du nie wieder etwas anleiten bzw. bestimmen darfst – im Gegenteil! Führungsqualitäten sind so wichtig im Umgang mit Pferden, es ist nur so ganz anders, als du es wahrscheinlich bisher gesehen und / oder gelernt hast – aber darauf gehe ich noch in andere Blog-Artikel näher ein.
Im Laufe dieses Beitrags für Mitglieder werden wir uns auch noch genauer mit den Rollen und Aufgaben in der Herde befassen und warum es in unseren domestizierten Gruppen oft zu Auseinandersetzungen kommt, die fälschlicherweise als Rangklärungen gedeutet werden.
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Hier gehen wir einen Schritt tiefer und schauen auf soziale Dynamiken von Pferden – darauf, wie Herde und Gruppe unterschiedlich wirken, warum Verhalten oft als Rangordnung missverstanden wird und welche Rolle Bedürfnisse dabei spielen.
<3 Christina
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