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HORSENSATION

Druck vs. Leckerli: Warum beide Ansätze demselben Lernprinzip folgen

vor 1 Tag
8 Min. Lesezeit

In der Pferdewelt stehen sich zwei Lager oft unversöhnlich gegenüber: die einen schwören auf Druck und Nachgeben, die anderen auf Leckerli und positive Verstärkung. Es wird diskutiert, verteidigt, manchmal richtig gestritten - als ginge es um zwei grundverschiedene Welten.


Doch so gegensätzlich sie wirken: Im Kern folgen beide demselben Prinzip. Ob Druck oder Belohnung - in beiden Fällen wird Verhalten über seine Konsequenzen gesteuert. Das nennt sich Behaviorismus, und er steckt in den meisten Trainingsmethoden. Um zu verstehen, warum das so ist und wo dieses Modell an seine Grenzen stößt, lohnt sich ein Blick hinter die Methoden: auf das Bild vom Lernen, das ihnen zugrunde liegt.



TEIL 02 DER

EquiCoCreation™

Blogserie


Dieser Beitrag ist der zweite Teil einer „Freebie"-Reihe in sieben Teilen - ein neuer Blick darauf, wie Pferd und Mensch einander wirklich verstehen und ihr Miteinander gemeinsam gestalten können.


Du kannst sie natürlich in beliebiger Reihenfolge lesen, aber da alle Beiträge aufeinander aufbauen, ist die vorgegebene Reihenfolge sehr zu empfehlen.




Wenn wir beginnen, Pferde nicht mehr nur als reaktive Fluchttiere zu betrachten, sondern als fühlende und denkende Wesen, verändert sich zwangsläufig auch die Art, wie wir ihr Lernen verstehen. Viele der Umgangsformen, die heute als selbstverständlich gelten, beruhen auf bestimmten Vorstellungen darüber, wie Pferde lernen und warum sie sich so verhalten, wie sie es tun. Diese Vorstellungen sind selten bewusst gewählt. Häufig werden sie einfach übernommen, weil sie seit Jahrzehnten – teilweise seit Jahrhunderten – in der Pferdewelt weitergegeben werden.


Doch hinter jeder Trainingsmethode steht ein bestimmtes Bild vom Lernen. Manchmal wird dieses Bild offen benannt, oft wirkt es eher im Hintergrund. Begriffe wie „Druck und Nachgeben“, „Belohnung“, „Korrektur“, „Motivation“ oder „Timing“ erscheinen auf den ersten Blick rein praktisch. Tatsächlich greifen sie jedoch auf grundlegende Lernmodelle zurück, die ursprünglich aus der Psychologie stammen. Diese Modelle versuchen zu erklären, wie Verhalten entsteht, wie Erfahrungen verarbeitet werden und wodurch sich Handlungen verändern.


Wenn wir also zum Beispiel darüber sprechen, ob ein Pferd eher reaktiv oder eher kognitiv handelt, berühren wir bereits die Frage, welche Form des Lernens wir im Pferd fördern.


  • Unterstützen wir vor allem schnelle Reaktionen auf äußere Signale?

  • Oder eröffnen wir dem Pferd Räume, in denen es selbst wahrnehmen, einordnen und entscheiden kann?


Die Antwort darauf hängt weniger von einzelnen Übungen ab als von dem grundlegenden Verständnis, das hinter unserem Umgang steht.


Um diese Zusammenhänge besser greifen zu können, lohnt sich ein Blick auf drei große Lernperspektiven, die auch den Umgang mit Pferden – bewusst oder unbewusst – geprägt haben: den Behaviorismus, den Kognitivismus und den Konstruktivismus. Sie beschreiben unterschiedliche Wege, wie Lernen erklärt wird und welche Rolle dem Individuum dabei zugeschrieben wird.


Während der Behaviorismus vor allem auf beobachtbares Verhalten und seine Konsequenzen schaut, rückt der Kognitivismus die inneren Prozesse des Denkens, Wahrnehmens und Entscheidens in den Mittelpunkt. Der Konstruktivismus wiederum betrachtet Lernen als einen individuellen und kontextabhängigen Prozess, der aus Erfahrung und Beziehung entsteht.


Diese Modelle sind keine starren Schubladen, in die sich jede Situation eindeutig einordnen lässt. In der Praxis überschneiden sie sich, beeinflussen sich gegenseitig und treten oft gleichzeitig auf. Dennoch helfen sie dabei, ein klareres Bild davon zu bekommen, warum bestimmte Trainingsmethoden so funktionieren, wie sie funktionieren – und welche Wirkung sie möglicherweise auf das Pferd haben.


In diesen und weiteren Blog-Beiträgen möchte ich diese Lernperspektiven deshalb etwas genauer beleuchten, um aufzuklären, welche Annahmen über das Lernen von Pferden hinter ihnen stehen und wie sie sich im täglichen Umgang widerspiegeln. Denn erst wenn wir diese Grundlagen erkennen, können wir bewusster entscheiden, welchen Weg wir selbst im Umgang mit unseren Pferden gehen möchten.

Behaviorismus


Der Behaviorismus entstand zu Beginn des 20. Jahrhunderts als ein neuer Ansatz innerhalb der Psychologie. Zu dieser Zeit versuchten Wissenschaftler, menschliches und tierisches Verhalten möglichst objektiv zu erforschen. Viele frühe psychologische Theorien beschäftigten sich stark mit inneren Erfahrungen wie Gedanken oder Gefühlen, die jedoch schwer messbar waren. Der Behaviorismus stellte daher einen radikalen Perspektivwechsel dar:


Er konzentrierte sich ausschließlich auf beobachtbares Verhalten und auf die Bedingungen, unter denen dieses Verhalten entsteht.


Als einer der zentralen Begründer gilt der amerikanische Psychologe John B. Watson, der 1913 mit seinem berühmten Aufsatz Psychology as the Behaviorist Views It ein neues Forschungsprogramm formulierte. Watson vertrat die Ansicht, dass Verhalten durch Umweltreize geprägt wird und dass innere mentale Zustände für eine wissenschaftliche Erklärung nicht notwendig seien. Das Gehirn wurde in diesem Zusammenhang häufig als eine Art „Black Box“ betrachtet: Was im Inneren geschieht, ist nicht direkt messbar, deshalb konzentriert man sich auf das, was von außen beobachtet werden kann – nämlich Reize und Reaktionen.


Parallel dazu lieferten andere Forscher wichtige experimentelle Grundlagen. Der russische Physiologe Ivan Pavlov untersuchte die sogenannte klassische Konditionierung, während der amerikanische Psychologe Burrhus Frederic Skinner später das Konzept der operanten Konditionierung entwickelte und damit die behavioristische Lerntheorie entscheidend erweiterte.


Gemeinsam prägten diese Wissenschaftler eine Sichtweise auf Lernen, die bis heute großen Einfluss auf viele Trainingsmethoden im Umgang mit Tieren hat.



Grundannahmen des Behaviorismus


Der Behaviorismus geht von einer relativ einfachen, aber sehr wirkungsvollen Grundidee aus: Verhalten entsteht durch die Beziehung zwischen Reizen aus der Umwelt und den Reaktionen eines Organismus.


Das zentrale Modell ist das sogenannte Reiz-Reaktions-Schema (Stimulus-Response-Modell). Ein äußerer Reiz löst eine Reaktion aus, und diese Reaktion kann durch bestimmte Konsequenzen verstärkt oder abgeschwächt werden. Lernen bedeutet in diesem Verständnis daher vor allem eine Veränderung von Verhalten aufgrund von Erfahrung.


Eine wichtige Besonderheit des Behaviorismus ist, dass innere Prozesse – also Gedanken, Gefühle oder bewusste Entscheidungen – in diesem Modell keine zentrale Rolle spielen, da sie aus behavioristischer Sicht schwer objektiv zu messen sind. Stattdessen konzentriert sich die Theorie auf das, was sichtbar und messbar ist: das Verhalten selbst.


Diese Perspektive führte zu einem sehr mechanistischen, aber gleichzeitig äußerst praktischen Modell von Lernen. Verhalten kann durch gezielte Gestaltung von Reizen und Konsequenzen systematisch beeinflusst werden.



Zentrale Mechanismen des behavioristischen Lernens


Innerhalb des Behaviorismus wurden verschiedene Lernmechanismen beschrieben, die erklären sollen, wie neue Verhaltensweisen entstehen und stabilisiert werden:



Das Reiz-Reaktions-Modell


Das grundlegende Prinzip des Behaviorismus ist das Reiz-Reaktions-Modell. Ein bestimmter Reiz aus der Umwelt führt zu einer bestimmten Reaktion des Organismus.


Ein einfaches Beispiel wäre ein plötzliches lautes Geräusch, auf welches mit Zusammenzucken und eventuellem kurzen Distanz schaffen reagiert wird. Durch wiederholte Erfahrungen kann ein Organismus lernen, bestimmte Reize mit bestimmten Reaktionen zu verknüpfen.


Im Kontext des Pferdetrainings lässt sich dieses Prinzip beispielsweise in der Verwendung von Signalen beobachten. Das Schlagen oder Wedeln mit einer Peitsche kann direkt zu einer Reaktion führen und der Organismus verinnerlicht sehr schnell, darauf mit Bewegung / Ausweichen zu reagieren.



Klassische Konditionierung


Die klassische Konditionierung wurde ursprünglich von Ivan Pavlov beschrieben. Sie entsteht, wenn ein ursprünglich neutraler Reiz wiederholt mit einem biologisch bedeutungsvollen Reiz gekoppelt wird, bis der neutrale Reiz schließlich allein eine ähnliche Reaktion auslöst.


In Pavlovs berühmten Experimenten wurde ein Glockenton mit der Fütterung von Hunden kombiniert. Nach mehreren Wiederholungen begann der Hund bereits beim Klang der Glocke zu speicheln, obwohl noch kein Futter vorhanden war.


Im Umgang mit Pferden lässt sich klassische Konditionierung häufig beobachten, wenn bestimmte Signale mit bestimmten Ereignissen verknüpft werden. Ein Beispiel wäre das Geräusch eines Clickers, welches nach einiger Wiederholung auch bei Pferden nach einer erfolgreich ausgeführten Aufgabe die Erwartung auf Futter triggert.



Operante Konditionierung


Während die klassische Konditionierung auf der Verknüpfung von Reizen basiert, beschäftigt sich die operante Konditionierung mit den Konsequenzen von Verhalten.


Der Begriff wurde von B. F. Skinner geprägt und beschreibt einen Lernprozess, bei dem Verhalten durch seine Folgen beeinflusst wird. Verhalten, das angenehme Konsequenzen hat oder unangenehme Konsequenzen beendet, tritt mit höherer Wahrscheinlichkeit erneut auf.


Operante Konditionierung spielt in vielen Formen des Pferdetrainings eine zentrale Rolle. Sie erklärt, wie Verhalten durch gezielte Rückmeldung stabilisiert und kontrolliert werden kann.



Verstärkung

Unter Verstärkung versteht man jede Konsequenz, die die Wahrscheinlichkeit erhöht, dass ein bestimmtes Verhalten in Zukunft wieder gezeigt wird.


Man unterscheidet dabei zwei grundlegende Formen:

  • Positive Verstärkung bedeutet, dass auf ein Verhalten etwas Angenehmes folgt. Dadurch wird das Verhalten wahrscheinlicher. Ein Beispiel wäre das Geben eines Leckerlis, nachdem ein Pferd eine gewünschte Handlung ausgeführt hat.

  • Negative Verstärkung bedeutet nicht Bestrafung, sondern das Beenden eines unangenehmen Reizes, sobald das gewünschte Verhalten gezeigt wird. Ein klassisches Beispiel ist der Druck eines Schenkels, der nachlässt, sobald das Pferd vorwärtsgeht.



Bestrafung

Neben der Verstärkung beschreibt die operante Konditionierung auch den Mechanismus der Bestrafung. Hierbei handelt es sich um Konsequenzen, die die Wahrscheinlichkeit eines Verhaltens verringern sollen.


Auch hier wird zwischen zwei Formen unterschieden:

  • Bei positiver Bestrafung wird ein unangenehmer Reiz hinzugefügt, um ein Verhalten zu reduzieren.

  • Bei negativer Bestrafung wird etwas Angenehmes entzogen.


Im praktischen Umgang mit Pferden können solche Prozesse ebenfalls auftreten, etwa wenn ein Verhalten durch unangenehme Konsequenzen unterbunden wird oder wenn eine erwartete Belohnung ausbleibt.



Belohnungssysteme vs. Vermeidungslernen


In der Pferde-Bubble gibt es zwei sehr unterschiedliche Lager, welche ich hier noch einmal zentraler gegenüberstellen möchte, um die Dynamiken des Behaviorismus genauer zu beleuchten:


Belohnungssysteme

Wenn ein Pferd für ein Verhalten eine Belohnung erhält – etwa Futter – wird im Gehirn das Dopaminsystem aktiviert. Dopamin ist ein Neurotransmitter, der eng mit Motivation, Erwartung und Lernen verbunden ist. Er signalisiert dem Gehirn: Dieses Verhalten lohnt sich. Das Entscheidende dabei ist nicht einmal die Belohnung selbst, sondern die Erwartung der Belohnung. Sobald das Pferd gelernt hat, dass auf eine Handlung eine Belohnung folgen kann, beginnt das Gehirn bereits im Vorfeld Dopamin auszuschütten.


Ein sehr ähnlicher Mechanismus wirkt auch beim Menschen. Man kennt ihn zum Beispiel von sozialen Medien. Jedes neue Bild, Reel, jeder Like, etc. könnte der nächste kleine „Belohnungskick“ sein. Genau diese Erwartung hält Menschen oft länger am Bildschirm, als sie eigentlich möchten.


Dasselbe Prinzip kann auch im Pferdetraining entstehen.

Ein Pferd beginnt dann aktiv nach Möglichkeiten zu suchen, das Verhalten zu zeigen, das einmal belohnt wurde. Es testet, probiert, wiederholt. Von außen wirkt das häufig wie hohe Motivation oder große Begeisterung. In Wirklichkeit kann es auch ein Ausdruck eines sehr stark aktivierten Belohnungssystems sein.


Das erklärt, warum manche Pferde plötzlich überall ihre gelernten Übungen anbieten: am Putzplatz, auf der Weide oder beim Anblick des Menschen. Sie versuchen herauszufinden, welches Verhalten diesmal den nächsten Belohnungseffekt auslöst.



Vermeidungslernen

Auch Druck arbeitet mit einem sehr starken Lernmechanismus. Hier geht es nicht um Belohnung, sondern um Vermeidung. Wenn ein unangenehmer Reiz verschwindet, sobald das Pferd eine bestimmte Handlung ausführt, lernt das Gehirn sehr schnell: Dieses Verhalten beendet den Druck.


Aus neurobiologischer Sicht handelt es sich um sogenanntes Vermeidungslernen. Das Pferd reagiert nicht unbedingt, weil es die Aufgabe versteht, sondern weil es gelernt hat, welche Handlung die Situation angenehmer macht.


Auch dieser Mechanismus ist extrem effektiv. Deshalb kann er Verhalten sehr stabil formen. Doch auch hier bleibt eine wichtige Frage offen: Reagiert das Pferd, weil es versteht – oder weil es gelernt hat, unangenehme Konsequenzen möglichst schnell zu vermeiden?



Fazit zum Behaviorismus


Der Behaviorismus erklärt sehr überzeugend, wie Verhalten gezielt erzeugt und stabilisiert werden kann. Genau deshalb hat dieses Modell bis heute noch einen so starken Einfluss auf unterschiedliche Pferdetrainingsmethoden. Ob mit Druck gearbeitet wird oder mit Belohnung – das Prinzip bleibt im Kern dasselbe: Verhalten wird durch seine Konsequenzen gesteuert.


Ein Pferd lernt schnell, welche Handlung welchen Effekt hat. Bewegt es sich, verschwindet der Druck. Zeigt es ein bestimmtes Verhalten, erscheint eine Belohnung. Aus Sicht der Lerntheorie ist das ein klarer, funktionaler Mechanismus. Verhalten wird dadurch vorhersehbar und kontrollierbar. Doch genau hier beginnt auch die Grenze dieses Modells. Der Behaviorismus betrachtet Verhalten von außen. Er fragt: Was führt zu welcher Reaktion? Er fragt jedoch nicht: Was passiert im Inneren des Pferdes?



Die Black Box


Pferde reagieren nicht nur. Sie beobachten, vergleichen, erinnern sich, interpretieren Situationen und entwickeln eigene Strategien. Gerade weil Pferde so kooperative Tiere sind, können sie sich erstaunlich stark an menschliche Erwartungen anpassen. Manche Pferde reagieren deshalb immer schneller, um Fehler zu vermeiden. Andere versuchen aktiv, das „richtige“ Verhalten anzubieten. Von außen kann das wie perfekte Zusammenarbeit aussehen.


Doch wenn man Verhalten ausschließlich über Reize und Konsequenzen erklärt, bleibt vieles unsichtbar – genau das, was der Behaviorismus ursprünglich als Black Box bezeichnet hat.

Und hier stößt der Behaviorismus an seine Grenzen. Viele Pferde, die nach Sinn suchen und Eigeninitiative einbringen möchten, werden früher oder später auf unterschiedliche Weise zeigen, was sie von diesem Weg halten. Denn wenn Verhalten dauerhaft nur über Reize und Konsequenzen gesteuert wird, kann das dazu führen, dass das eigentliche Wesen eines Pferdes – seine Individualität, seine eigenen Lösungsstrategien und seine Art, mit der Welt in Beziehung zu treten – immer weiter in den Hintergrund rückt. Pferde bemerken, dass Kommunikation einseitig ist und vor allem: Dass der Mensch ihre Art der Kommunikation nicht beherrscht, was im inneren unter anderem Frust und / oder Resignation bewirken kann. Pferde, die entweder brav alles mit sich machen lassen, aber irgendwie ihr gewisses "Funkeln" in den Augen verloren haben bis hin zu Pferden, die den Menschen kaum noch beachten, büffeln und eher abgelenkt / widerwillig die Anforderungen im Training erfüllen. Die Auswirkungen sind Vielfältig.


♥

Christina

Teil der EquiCoCreation™ Blogserie


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