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HORSENSATION

Warum dieselbe Übung für jedes Pferd eine völlig andere Bedeutung hat

vor 1 Tag
6 Min. Lesezeit

Stell dir drei Pferde vor, die dieselbe Übung lernen sollen - unter denselben Bedingungen, beim selben Menschen. Das eine ist neugierig dabei, das andere zögert, ein drittes verweigert vielleicht ganz. Woran liegt das, wenn doch alles „gleich" ist?


Die Antwort führt uns zur (fast) letzten der drei großen Lerntheorien. Im letzten Teil hast du gesehen, dass Pferde mitdenken - jetzt gehen wir einen Schritt weiter: Jedes Pferd verarbeitet, was es erlebt, auf seine eigene Weise. Es reagiert nicht einfach auf die Übung, sondern darauf, was diese Übung für es bedeutet - geprägt von Charakter, Erfahrungen und seiner Beziehung zu dir.

Damit verschiebt sich so einiges, denn Verhalten ist dann keine richtige oder falsche Reaktion mehr, sondern eine Information und von hier ist es nur noch ein kleiner Schritt zu dem, was wirklich zwischen Pferd und Mensch entstehen kann...



TEIL 04 DER

EquiCoCreation™

Blogserie


Dieser Beitrag ist der vierte Teil einer „Freebie"-Reihe in sieben Teilen - ein neuer Blick darauf, wie Pferd und Mensch einander wirklich verstehen und ihr Miteinander gemeinsam gestalten können.


Du kannst sie natürlich in beliebiger Reihenfolge lesen, aber da alle Beiträge aufeinander aufbauen, ist die vorgegebene Reihenfolge sehr zu empfehlen.




Der Konstruktivismus entwickelte sich in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts aus verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen, darunter Entwicklungspsychologie, Erkenntnistheorie und Pädagogik. Während der Behaviorismus Verhalten über Reize und Konsequenzen erklärte und der Kognitivismus den Fokus auf mentale Prozesse legte, stellte der Konstruktivismus eine noch grundlegendere Frage: Wie entsteht Wissen überhaupt?


Eine zentrale Rolle spielte dabei der Entwicklungspsychologe Jean Piaget, der untersuchte, wie Kinder ihre Umwelt verstehen lernen. Piaget stellte fest, dass Wissen nicht einfach von außen aufgenommen wird, sondern dass jedes Individuum seine Erfahrungen aktiv verarbeitet und daraus eigene Bedeutungen konstruiert.


Später griffen Wissenschaftler wie Ernst von Glasersfeld, Heinz von Foerster und Humberto Maturana diese Ideen auf und entwickelten daraus verschiedene konstruktivistische Ansätze. Gemeinsam war ihnen die Erkenntnis, dass Lernen nicht als ein reines Reagieren auf äußere Reize verstanden werden kann. Stattdessen entsteht Wissen immer aus der persönlichen Erfahrung eines Individuums in seiner Umwelt.


Im Gegensatz zu früheren Lerntheorien rückte damit stärker in den Mittelpunkt, dass jedes Lebewesen seine Welt auf seine eigene Weise wahrnimmt und interpretiert.



Grundannahmen des Konstruktivismus


Die zentrale Idee des Konstruktivismus lautet, dass Lernen ein aktiver Konstruktionsprozess ist. Wissen wird nicht einfach übertragen oder eingeprägt, sondern entsteht durch die Art und Weise, wie ein Individuum Erfahrungen verarbeitet. Das bedeutet: Zwei Individuen können dieselbe Situation erleben und dennoch unterschiedliche Schlussfolgerungen daraus ziehen. Wahrnehmung, Emotionen, frühere Erfahrungen und der jeweilige Kontext beeinflussen, welche Bedeutung ein Ereignis erhält. Lernen ist daher kein linearer Prozess, bei dem ein bestimmter Reiz automatisch zu einer bestimmten Reaktion führt. Stattdessen entwickelt jedes Individuum sein eigenes Verständnis der Welt, indem es neue Erfahrungen mit bereits vorhandenen Erfahrungen verknüpft. Aus konstruktivistischer Sicht gibt es daher kein universelles Schema, das bei allen Individuen gleich funktioniert. Lernen ist immer individuell, kontextabhängig und dynamisch.




Zentrale Prozesse konstruktivistischen Lernens


Während Behaviorismus und Kognitivismus vor allem einzelne Lernmechanismen beschreiben, beschäftigt sich der Konstruktivismus stärker mit der Frage, wie Erfahrung entsteht und verarbeitet wird.



Individuelle Bedeutung

Jede Erfahrung erhält ihre Bedeutung erst durch die Interpretation des Individuums. Was für das eine Pferd neutral ist, kann für ein anderes Pferd eine völlig andere Bedeutung haben, abhängig von früheren Erfahrungen.


Ein Pferd, das beispielsweise einmal eine schmerzhafte Erfahrung mit einem bestimmten Gegenstand gemacht hat, wird diesen Gegenstand möglicherweise anders wahrnehmen als ein Pferd ohne diese Erfahrung.



Erfahrung und Kontext

Im Konstruktivismus spielt der Kontext eine entscheidende Rolle. Lernen findet nicht isoliert statt, sondern immer in einem bestimmten Umfeld – mit bestimmten sozialen Beziehungen, räumlichen Bedingungen und emotionalen Zuständen.


Ein Verhalten lässt sich daher nicht vollständig verstehen, ohne den Zusammenhang zu betrachten, in dem es entsteht.



Interaktion

Ein besonders wichtiger Gedanke des Konstruktivismus ist, dass Lernen oft durch Interaktion entsteht. Wissen entwickelt sich nicht nur im Individuum selbst, sondern auch im Austausch mit der Umwelt und anderen Lebewesen. Wenn zwei Individuen miteinander interagieren, beeinflussen sie sich gegenseitig. Beide Seiten verändern sich durch diese Begegnung.


Aus dieser Idee entwickelte sich später der Begriff des Ko-Konstruktivismus, der beschreibt, dass Lernen in vielen Situationen ein gemeinsamer Prozess ist (im nächsten Blog-Beitrag gehen wir hier noch einmal tiefer hinein).




Erscheinungsformen im Pferdetraining


Überträgt man diese Perspektive auf den Umgang mit Pferden, verändert sich der Blick auf Training grundlegend. Im konstruktivistischen Verständnis geht es weniger darum, Verhalten gezielt zu formen oder durch bestimmte Konsequenzen zu stabilisieren. Stattdessen rückt die Frage in den Mittelpunkt, wie ein Pferd eine Situation erlebt und welche Bedeutung es ihr gibt.


Ein Pferd lernt nicht nur durch Wiederholung oder durch Belohnung und Druck, sondern vor allem durch seine Erfahrungen im gemeinsamen Kontext mit dem Menschen. Das bedeutet auch, dass zwei Pferde auf dieselbe Übung sehr unterschiedlich reagieren können. Ihre bisherigen Erfahrungen, ihr Charakter, ihre körperliche Verfassung und ihre Beziehung zum Menschen beeinflussen, wie sie eine Situation wahrnehmen.


Training wird aus dieser Perspektive weniger zu einem festen System von Methoden, sondern eher zu einem dynamischen Prozess, in dem Mensch und Pferd gemeinsam Erfahrungen machen und daraus neue Handlungsmöglichkeiten entwickeln.




Wirkung und Bedeutung dieser Perspektive


Der konstruktivistische Blickwinkel verändert die Rolle des Menschen im Lernprozess. Während behavioristische Ansätze stark darauf ausgerichtet sind, Verhalten gezielt zu steuern, verschiebt sich der Fokus hier stärker auf Beziehung, Wahrnehmung und gemeinsame Erfahrung. Der Mensch ist in diesem Modell nicht mehr nur derjenige, der Verhalten formt, sondern Teil eines gemeinsamen Systems, in dem beide Seiten aufeinander reagieren und voneinander lernen. Das bedeutet nicht, dass Struktur oder Führung unwichtig werden. Vielmehr entsteht Führung aus dem Kontext der Beziehung und aus dem gemeinsamen Verständnis einer Situation. Wenn Lernen als gemeinsamer Prozess verstanden wird, entsteht Raum für Dialog, Exploration und Eigeninitiative. Das Pferd wird nicht nur als reagierender Organismus betrachtet, sondern als ein Individuum, das aktiv an seinem Lernprozess beteiligt ist. Damit verschiebt sich der Blick endgültig weg von der Vorstellung, dass Verhalten ausschließlich über Reize und Konsequenzen erklärbar ist, hin zu einem Verständnis von Lernen als lebendigem, wechselseitigem Prozess zwischen Individuum und Umwelt.


Viele Trainingsmethoden bewegen sich nämlich nicht strikt in einer einzigen „Schublade“. In der Praxis ist das Ganze viel fluider. Ein/e Trainer:in kann in manchen Momenten stark behavioristisch arbeiten, in anderen Momenten kognitive Prozesse zulassen oder sogar konstruktivistisch denken. Entscheidend ist weniger die Methode selbst als vielmehr die Haltung und das Verständnis des Menschen, der sie anwendet.


Wenn jemand noch stark von alten Vorstellungen geprägt ist – etwa von Dominanz, Rangordnung oder der Idee, dass ein Pferd vor allem funktionieren und reagieren muss – wird der Umgang automatisch stärker in Richtung Kontrolle gehen. Reagiert das Pferd nicht sofort, wird der Druck erhöht. Zeigt das Pferd etwas Ungewolltes, wird es korrigiert. Der Fokus liegt darauf, dass Verhalten schnell und zuverlässig abrufbar wird. Schaut man also genauer hin, erkennt man hier die klassische behavioristische Logik: Ein Signal wird gegeben, die passende Reaktion wird erwartet. Bleibt sie aus, wird der Reiz verstärkt, bis die gewünschte Handlung erfolgt.


Der Trend geht aber immer mehr in eine neue Richtung. Ein paar Trainer:innen gehen bereits einen Schritt weiter. Sie nutzen vielleicht noch dieselben Mechanismen – Verstärkung, Signale oder Wiederholung –, lassen dem Pferd jedoch mehr Raum zum Mitdenken. Sie geben Zeit zum Verarbeiten, beobachten genauer, werden kreativer, wenn etwas nicht funktioniert. Hier beginnt bereits eine kognitive Ebene: Das Pferd wird nicht mehr nur als reagierendes System betrachtet, sondern als ein Individuum, das Zusammenhänge verstehen kann.


Noch einmal verändert sich der Blick, wenn man konstruktivistisch denkt. Dann geht es nicht mehr primär darum, ein bestimmtes Verhalten zu erzeugen, sondern darum, das Pferd in seinem Ausdruck zu verstehen. Reaktionen werden nicht korrigiert, sondern als Information betrachtet. Das Pferd zeigt etwas – und der Mensch beginnt zuzuhören. Vielleicht steckt hinter einer Reaktion eine frühere Erfahrung. Vielleicht braucht das Pferd mehr Zeit, eine Situation zu verstehen. Vielleicht zeigt es gerade etwas, das uns hilft, seine (innere) Welt besser zu begreifen...


In diesem Moment entsteht etwas anderes als Training im klassischen Sinne: Es entsteht ein lebendiger Dialog.

Genau hier beginnt auch der Bereich des Ko-Konstruktivismus. Lernen entsteht nicht mehr nur im Pferd oder im Menschen, sondern im gemeinsamen Prozess zwischen beiden. Verhalten entwickelt sich nicht allein aus Reiz und Reaktion, sondern aus Kommunikation, Wahrnehmung, Erfahrung, Beziehung und gegenseitigem Einfluss.


Im Kern bedeutet das:

Es geht nicht darum, ein Pferd über Belohnung oder Druck zu einem bestimmten Verhalten zu bringen. Es geht auch nicht darum, möglichst präzise Kontrolle über jede Bewegung zu erlangen. Stattdessen entsteht Lernen aus Beziehung, Kommunikation und gemeinsamer Erfahrung.


Der Mensch beginnt den freien Dialog. Das Pferd antwortet darauf – auf seine eigene Weise. Diese Reaktion wird nicht korrigiert oder in ein gewünschtes Verhalten gepresst, sondern als Information verstanden. Was hat das Pferd gerade wahrgenommen? Welche Erfahrung steckt vielleicht dahinter? Was versucht es mir gerade mitzuteilen? In diesem Moment beginnt ein Prozess. Der Mensch passt sich an. Das Pferd passt sich an. Beide lernen etwas über den anderen – und über sich selbst.



♥

Christina

Teil der EquiCoCreation™ Blogserie


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