Ein braves Pferd ist kein Beweis für eine gute Pferd-Mensch-Beziehung
Vielleicht kennst du ein Pferd, das alles „richtig" macht - brav, kooperativ, zuverlässig - und dem trotzdem etwas fehlt. Das Funkeln in den Augen, die Neugier, das Gefühl, dass da wirklich jemand mitmacht und nicht nur etwas abgespult wird.
Genau darum geht es in diesem Teil. Ein Pferd kann lernen zu funktionieren, ohne je zu erleben, dass seine eigenen Antworten zählen. Es kann perfekt reagieren und innerlich trotzdem nicht wirklich da sein. Aber was, wenn dein Pferd aufhören darf, nur zu funktionieren und anfangen darf, mitzugestalten?
Das ist das Herz von allem, worüber ich in all den vorangegangenen Teilen geschrieben habe: der Ko-Konstruktivismus. Hier wird aus dem reagierenden Pferd ein Gegenüber, aus Training ein Dialog. Um zu verstehen, wie dieser Wandel möglich wird, lohnt sich noch einmal ein kurzer Blick zurück.
TEIL 05 DER
EquiCoCreation™
Blogserie
Dieser Beitrag ist der fünfte Teil einer „Freebie"-Reihe in sieben Teilen - ein neuer Blick darauf, wie Pferd und Mensch einander wirklich verstehen und ihr Miteinander gemeinsam gestalten können.
Du kannst sie natürlich in beliebiger Reihenfolge lesen, aber da alle Beiträge aufeinander aufbauen, ist die vorgegebene Reihenfolge sehr zu empfehlen.
In den vorherigen Beiträgen haben wir uns drei große Lerntheorien angeschaut: den Behaviorismus, den Kognitivismus und den Konstruktivismus. Jede dieser Theorien beschreibt Lernen aus einem anderen Blickwinkel und jede hat den Umgang mit Pferden auf ihre Weise geprägt, meistens ohne dass es uns bewusst ist.
In diesem Abschnitt gehen wir einen Schritt weiter und schauen auf eine Perspektive, die aus dem Konstruktivismus hervorgegangen ist und ihn entscheidend erweitert: den Ko-Konstruktivismus.
Bevor wir tiefer einsteigen, lohnt sich noch einmal eine kurze Einordnung und Wiederholung. Denn nur wenn klar ist, wo der Ko-Konstruktivismus innerhalb der Lerntheorien steht, wird verständlich, was ihn so besonders macht und warum gerade dieser Ansatz so gut beschreibt, was zwischen Pferd und Mensch geschehen kann.
Wo der Ko-Konstruktivismus steht und wo nicht
Der Behaviorismus betrachtet Lernen von außen. Er fragt: Welcher Reiz löst welche Reaktion aus? Innere Prozesse spielen keine Rolle, weil sie nicht messbar sind. Lernen ist hier eine Veränderung von Verhalten durch äußere Bedingungen.
Der Kognitivismus öffnet diese Perspektive. Er fragt nicht mehr nur: Was tut das Wesen? Sondern: Was geschieht in seinem Inneren, während es lernt? Wahrnehmung, Gedächtnis, Aufmerksamkeit, Problemlösen – all das wird zum Gegenstand der Forschung.
Der Konstruktivismus geht noch einen Schritt weiter. Er sagt: Wissen wird nicht einfach aufgenommen, sondern aktiv konstruiert. Jedes Individuum baut sein eigenes Verständnis der Welt auf, geprägt durch seine bisherigen Erfahrungen, seine Wahrnehmung und seinen Kontext. Zwei Wesen können dieselbe Situation erleben und zu völlig unterschiedlichen Schlussfolgerungen kommen.
Und genau hier setzt der Ko-Konstruktivismus an. Er übernimmt die Grundidee des Konstruktivismus – dass Wissen aktiv konstruiert wird – und fügt einen entscheidenden Aspekt hinzu: Diese Konstruktion geschieht selten allein. Sie geschieht im Kontakt mit anderen.
Wissen, Bedeutung und Verstehen entstehen nicht ausschließlich im Inneren eines einzelnen Wesens, sondern im Zwischenraum – dort, wo zwei oder mehr Wesen aufeinander treffen, sich gegenseitig wahrnehmen und sich beeinflussen. Beide Seiten verändern sich durch den Kontakt. Beide gestalten mit, was am Ende verstanden wird.
Während der Konstruktivismus das Individuum als aktiven Konstrukteur seiner eigenen Welt beschreibt, betont der Ko-Konstruktivismus: Diese Welt entsteht nicht nur isoliert. Sie entsteht vor allem auch in Beziehung.
Warum diese Unterscheidung so wichtig ist
In der Pferdewelt arbeiten viele Ansätze nach wie vor stark behavioristisch: Reiz und Reaktion, Belohnung und Konsequenz, klare Signale und schnelle Antworten. Andere Ansätze orientieren sich zusätzlich am Kognitivismus und versuchen, das Pferd als denkendes Wesen einzubeziehen. Wieder andere bewegen sich auch konstruktivistisch und berücksichtigen, dass jedes Pferd seine eigene Geschichte und seine eigenen Erfahrungen mitbringt.
Doch der Ko-Konstruktivismus geht über all das hinaus. Er beschreibt nicht nur, wie ein Pferd lernt – er beschreibt, wie Pferd und Mensch gemeinsam etwas Drittes entstehen lassen können, das keiner von beiden alleine hervorbringen könnte. Genau deshalb passt er so gut zu dem, was zwischen Pferd und Mensch wirklich geschehen kann: Als ein lebendiges, dynamisches Miteinander, das sich nicht in Schritt-für-Schritt-Anleitungen pressen lässt.
Das individuelle Gerüst
Eines der zentralen Konzepte des Ko-Konstruktivismus stammt von dem russischen Psychologen Lew Semjonowitsch Wygotski. Er hat etwas beobachtet, das auf den ersten Blick einfach klingt – aber weitreichende Konsequenzen hat. Wygotski stellte fest, dass es Dinge gibt, die ein Wesen alleine kann und Dinge, die noch absolut außerhalb seiner Reichweite liegen. Aber dazwischen gibt es einen besonderen Bereich – Dinge, die das Wesen noch nicht alleine erreichen kann, aber gemeinsam mit einem anderen sehr wohl. Diesen Bereich nannte er die Zone der nächsten Entwicklung.
Das Entscheidende ist: Diese Zone liegt nicht im Wesen alleine und sie liegt auch nicht im Lehrenden alleine. Sie liegt zwischen ihnen. Sie ist ein gemeinsamer Möglichkeitsraum, der nur durch Begegnung sichtbar wird und der Lehrende weiß nicht im Voraus, wo diese Zone genau liegt. Er findet es heraus, indem er sich auf das Wesen einlässt, das vor ihm steht. Er bietet etwas an, beobachtet was zurückkommt, passt an, geht weiter, wartet, beobachtet wieder.
Wygotski beschrieb auch, wie Lernen in dieser Zone unterstützt werden kann. Er nannte es Scaffolding – das Gerüst.
Das Gerüst ist eine vorübergehende Stütze. Sie hilft dem Wesen, etwas zu erreichen, das es alleine noch nicht erreichen könnte. Aber – und das ist entscheidend – das Gerüst muss zwei Bedingungen erfüllen: Es muss genug Stütze geben, damit das Wesen die Aufgabe meistern kann. Und es muss wieder verschwinden können, sobald es nicht mehr gebraucht wird. Ein gutes Gerüst macht sich also selbst überflüssig. Es trägt nicht für immer, sondern durch eine bestimmte Phase, einen bestimmten Moment oder eine bestimmte Herausforderung. Und sobald das Wesen sozusagen "alleine stehen" kann, wird es wieder Schritt für Schritt abgebaut.
B E I S P I E L
Stell dir ein Pferd vor, das beim Anblick des Hängers blockiert. Es zögert, geht ein paar Schritte vor, wird unsicher, weicht zurück. Zeigt vielleicht sogar Angst.
Behavioristisch: Der Mensch arbeitet schrittweise auf das Einsteigen hin. Vielleicht mit positiver Verstärkung – jeder kleine Schritt Richtung Hänger wird belohnt, das Pferd lernt zu assoziieren: Hänger bedeutet Leckerli. Oder mit Druck und Nachgeben am Strick – das Pferd lernt, dass Vorwärtsbewegung den Druck beendet. Über Wiederholungen wird das Einsteigen konditioniert. Das Pferd zeigt das gewünschte Verhalten.
Ko-konstruktiv: Der Mensch fragt zuerst: Warum geht das Pferd nicht rein? Hat es schlechte Erfahrungen, ist der Hänger zu eng, zu dunkel, zu wackelig? Vertraut es mir in diesem Moment genug? Ist meine Körpersprache und Ausstrahlung hilfreich für mein Pferd? Je nach Antwort entsteht ein Gerüst. Vielleicht braucht das Pferd ein anderes Pferd, das schon drinsteht – als Sicherheitsanker. Vielleicht braucht es mehrere Begegnungen mit dem Hänger, ohne dass etwas „erreicht" werden muss, sodass dieser die Gewichtung verliert und die gesamte Situation an Neutralität gewinnt. Oder das Pferd muss den Hänger komplett neu kennenlernen, indem dieser zum Beispiel Teil des Zuhauses wird, wo eine neue Routine entsteht: dort drin gibt mir mein Mensch immer mein Futter und ich kann selbst entscheiden, ob ich hinein gehe oder nicht.
Der Unterschied im Verlauf: Im behavioristischen Weg wird das Verhalten konditioniert – Einsteigen wird zur abrufbaren Reaktion. Im ko-konstruktiven Weg wird das Gerüst irgendwann nicht mehr gebraucht. Das andere Pferd, keine direkte Konfrontation, freiwillige und freiheitliche Beschäftigung – all das kann mit der Zeit wegfallen, weil das Pferd selbst eine andere Beziehung zum Hänger entwickelt hat. Es steigt nicht ein, weil es konditioniert wurde – es steigt ein, weil es sich sicher fühlt und versteht, was passiert.
Im Behaviorismus wird am Verhalten gearbeitet. Im Ko-Konstruktivismus wird an der Konstruktion der Realität des Pferdes gearbeitet. Das Verhalten verändert sich dann ganz automatisch – nicht weil es trainiert wurde, sondern weil das Pferd seine Welt anders erlebt.
Der gegenseitige Einfluss
Ein zweites zentrales Konzept des Ko-Konstruktivismus stammt von dem chilenischen Biologen und Erkenntnistheoretiker Humberto Maturana. Er hat etwas beschrieben, das auf den ersten Blick technisch klingt – aber etwas sehr Lebendiges meint: die strukturelle Kopplung.
Maturana beobachtete: Wenn zwei Lebewesen miteinander in Kontakt kommen, beeinflussen sie einander. Aber nicht so, wie ein Hammer einen Nagel beeinflusst – durch direkten Eingriff. Sondern so, dass jedes Wesen den anderen als Auslöser für innere Veränderungen nutzt. Beide bewegen etwas im jeweils anderen, aber was dort entsteht, hängt nicht nur vom Kontakt selbst ab, sondern auch vom inneren Zustand, der Geschichte und dem aktuellen Befinden des jeweiligen Wesens.
Das Entscheidende daran ist: Beide Wesen behalten ihre Autonomie. Keiner kontrolliert den anderen. Aber beide verändern sich kontinuierlich durch den Kontakt. Sie sind „strukturell gekoppelt" – wie zwei Tänzer, die nicht voneinander gesteuert werden, sondern aufeinander eingehen und gemeinsam etwas Drittes entstehen lassen, das keiner alleine erschaffen könnte.
Was das für die Pferdearbeit bedeutet
Im behavioristischen Modell ist das Pferd ein Empfänger von Signalen. Der Mensch sendet, das Pferd reagiert. Das Verhältnis ist im Kern einseitig: einer löst aus, der andere antwortet vorhersehbar. Wie ein Schalter, der gedrückt wird.
Im ko-konstruktiven Modell ist das Pferd ein autonomes Wesen, das aus seiner eigenen inneren Struktur heraus auf den Kontakt antwortet. Der Mensch löst etwas aus – aber was er auslöst, ist nicht vorhersagbar. Es hängt von der aktuellen, inneren Welt des Pferdes ab. Und genau das macht echten Dialog möglich. Nur autonome Wesen können wirklich miteinander kommunizieren. Eine Maschine kann nicht antworten – sie kann nur reagieren.
B E I S P I E L
Stell dir vor, ein Mensch betritt mit seinem Pferd einen Reitplatz. Es soll frei mit dem Pferd gearbeitet werden, ohne Halfter und Strick.
Behavioristisch: Bevor diese Situation überhaupt entstehen kann, wurde das Pferd vorbereitet – meist über Wochen oder Monate. An Halfter und Seil werden mit Druck oder mit Leckerli bestimmte Bewegungsabläufe antrainiert. Auf Peitschenschlag kommt das Pferd zum Menschen. Auf eine Drehung der Schulter fängt es an um den Menschen herumzutraben. Auf eine bestimmte Geste geht es so lange Rückwärts vom Menschen weg, bis dieser wieder seinen Peitschenschlag einsetzt, damit es zum Menschen zurückkommt, usw... Erst wenn diese Reaktionen zuverlässig abrufbar sind, wird das Halfter abgenommen. Das Pferd zeigt nun frei dasselbe Verhalten, das es vorher durch die Begrenzung und Kontrolle von Halfter und Seil gelernt hat. Von außen sieht das aus wie ein Tanz aus Freiheit. Tatsächlich ist es ein Abruf konditionierter Reaktionen ohne sichtbares Werkzeug.
Eine echte strukturelle Kopplung kann hier nicht entstehen. Zwar zeigt das Pferd durchaus eigene Antworten – es verweigert sich, geht weg, buckelt vielleicht. Doch diese Antworten werden nicht als gleichwertige Kommunikation verstanden, sondern als Problem, das es zu lösen gilt. Der Mensch sucht dann Wege, das Pferd doch wieder zu der gewünschten Reaktion zu bringen. Die eigene Antwort des Pferdes wird nicht aufgenommen, sondern überschrieben. Beide bleiben getrennt voneinander, auch wenn es nach außen wie eine vertrauensvolle Begegnung aussieht.
Ko-konstruktiv: Für diese Art der Begegnung braucht es kein vorangegangenes Training. Um auch für das Pferd einen Sinn in die gemeinsame Unternehmung zu bringen, kann der Mensch ein paar Hindernisse aufbauen, wie zum Beispiel Stangen, Hütchen, Plane, etc. Oder beide bewegen sich einfach frei im Raum. Das Pferd darf sich umsehen, schnuppern und frei umhergehen. Dabei stört der Mensch sein Pferd nicht – und dennoch sind sie hier bereits strukturell gekoppelt. Erst wenn es von selbst Kontakt sucht oder auf die Kontaktanfrage des Menschen antwortet, indem es auf diesen zugeht, kann die Kommunikation weitergehen und ausprobiert werden, worauf das Pferd gerade Lust hat. So entsteht ein richtiges Gespräch, dessen Ausgang ungewiss ist. Mal initiiert der Mensch etwas, mal das Pferd. Während dieser gemeinsamen Unternehmung entstehen also immer wieder neue Strukturen, die nicht gänzlich vorhersehbar sind. Der Mensch kann zwar mit einem gewissen Plan agieren, sich also Ankerpunkte setzen (ich möchte heute herausfinden, wie wir gemeinsam und frei Schritt und Trab-Übergänge immer wieder integrieren könnten; oder: ich möchte meinem Pferd zeigen, wie es sich gesünder tragen kann, mal sehen wie wir da gemeinsam hinkommen). An jedem Tag könnte der Weg zum Ankerpunkt anders aussehen, weil das Pferd körperlich oder mental anders abgeholt werden muss. Es darf also immer frei und anders auf die Anfragen des Menschen antworten und der Mensch muss kreativ werden – oder sogar komplette Pläne verwerfen und flexibel auf das eingehen, was das Pferd gerade braucht. So ist es am Ende nicht nur ein körperliches Bewegen, sondern vor allem auch ein innerer Prozess. Denn durch diese Flexibilität müssen wir sehr reflektiert und achtsam sein. Aushalten lernen, wenn etwas nicht so funktioniert, wie erhofft. Innere Themen erkennen, wenn sie als Schutzmechanismus in der Körpersprache sichtbar werden. Denn alles ist Kommunikation für das Pferd – und auch das Pferd lernt in dieser Interaktion innerlich sehr viel. Beide verändern sich also durch diese Begegnung. Das Pferd geht anders aus der gemeinsamen Zeit heraus, als es hineingegangen ist – und der Mensch genauso. Das ist es, was strukturelle Kopplung ausmacht: Zwei autonome Wesen, die einander nicht steuern, sondern einander wirken lassen.
Beziehung als Voraussetzung
Im klassischen Pferdetraining trainiert man das Pferd bis zu einer Beziehung - es wird also das Ziel, was durch dieses Training (unter anderem) erreicht werden soll. Erst wird trainiert, geübt, korrigiert und am Ende, so die Hoffnung, entsteht eben eine vertrauensvolle Beziehung zwischen Pferd und Mensch. Im Ko-Konstruktivismus ist es genau umgekehrt: Beziehung steht nicht am Ende, sondern am Anfang. Sie ist nicht das Resultat gelungener Arbeit – sie ist die Voraussetzung dafür, dass Arbeit überhaupt etwas Echtes bedeuten kann.
Warum Lernen zuerst sozial ist
Wygotski hat etwas erkannt, das viele andere Lerntheoretiker übersehen haben: Lernen ist nicht zuerst kognitiv, sondern zuerst sozial.
Bevor ein Wesen wirklich lernt, braucht es eine Beziehung zu jemandem, der es kennt, der präsent ist und sich sicher anfühlt. Erst auf diesem Fundament kann echtes Lernen entstehen, ansonsten passiert vieles – aber kein wirkliches Verstehen. Das Wesen kann auswendig lernen, kann Verhalten zeigen oder kann reagieren – aber es wird die Welt nicht durchdringen. Was also ein Wesen heute mit einem Anderen tun kann, kann es morgen alleine. Aber nur, wenn dieser Andere wirklich da ist – nicht als Aufseher oder Trainer, sondern als ein Jemanden, das sich auf das Gegenüber wirklich einlässt.
Übertragen auf die Pferdearbeit bedeutet das: Bevor ein Pferd wirklich lernen kann, muss es einen Menschen erleben, der zuhört, wahrnimmt und auch berechnbar antwortet. Erst aus dieser Beziehung heraus kann sich Verstehen entwickeln.
Sicherheit als biologische Grundlage
Maturana hat das aus biologischer Sicht ergänzt. Lebewesen können sich nur dann strukturell aneinander koppeln, wenn ihre Nervensysteme in einem sicheren Zustand sind. Ein Wesen unter Bedrohung koppelt sich nicht – es schützt sich. Es kann reagieren, kann sogar perfekt funktionieren – aber es kann nicht wirklich in Beziehung treten. Das bedeutet: Wenn ein Pferd Angst hat, in Stress ist, dissoziiert oder sich schützen muss, ist Lernen im ko-konstruktiven Sinne nicht möglich. Es kann konditioniert werden, gewünschtes Verhalten zeigen, aber es kann nicht gemeinsam mit dem Menschen etwas dahinter verstehen bzw. nachvollziehen. Und das ist ein riesiger Unterschied, denn er erklärt, warum so viele Pferde in klassischen Trainings nach außen hin „funktionieren", aber gleichzeitig innerlich nicht wirklich da sind. Sie wirken brav, kooperativ, gut ausgebildet und sind gleichzeitig in einem Zustand der Schutzhaltung oder Dissoziation.
Co-Regulation
Die unsichtbare Verbindung
An dieser Stelle kommt ein wichtiger Begriff ins Spiel: Co-Regulation. Säugetiere regulieren sich gegenseitig über ihre Nervensysteme – das ist tief in unserer Biologie verankert. Wenn der Mensch in einem Zustand von Sicherheit, Klarheit und Präsenz ist, kann das auf das Pferd wirken, ganz allein durch seine Anwesenheit. Co-Regulation kann auch vom Pferd zum Menschen fließen. Wer schon einmal in einem Moment innerer Unruhe bei einem ruhigen, präsenten Pferd gestanden hat, kennt das. Das eigene Nervensystem beruhigt sich, der Atem wird tiefer und die Welt wird wieder weiter.
Aus diesem Verständnis heraus verändert sich auch der Anspruch an den Menschen. Im klassischen Training wird oft erwartet, dass der Mensch keine Emotionen zeigen darf, wie Angst, Stress oder Unsicherheit. Er soll der ruhige Pol sein, immer souverän und immer klar. Doch das ist weder realistisch noch gesund, und es entspricht auch nicht dem, was zwischen Säugetieren tatsächlich passiert.
Der Mensch darf Angst haben, er darf gestresst und überfordert sein. Was im ko-konstruktiven Verständnis zählt, ist nicht das Fehlen dieser Gefühle – sondern die Ehrlichkeit und Weichheit im Umgang mit ihnen. Wer seine Angst offen durchfließen lässt, statt in Schutzmechanismen zu verfallen, bleibt anschlussfähig. Das Pferd kann diese Ehrlichkeit lesen. Es muss nicht mit einer aufgesetzten Souveränität konfrontiert werden, hinter der es spürbar etwas anderes brodelt.
Voraussetzung für diese Form von gegenseitiger Co-Regulation ist eine gute, gewachsene Beziehung. Aber selbst ohne tiefe Bindung können Pferde ihre Menschen regulieren, wenn sie selbst in einem stabilen Zustand sind und wenn der Mensch ihnen mit Ehrlichkeit begegnet. So entsteht eine Form des Miteinanders, in der beide Seiten Ressourcen einbringen. Beide regulieren sich selbst, beide regulieren den anderen mit. In schwierigen Situationen gehen beide gemeinsam durch das Erleben hindurch – mit gegenseitigem Verständnis und mit der Bereitschaft, weich zu bleiben, auch wenn es schwer ist.
Die wichtige Differenzierung
„Stress blockiert Lernen" ist mittlerweile fast Allgemeinwissen in der Pferdewelt. Viele Trainer reden von Vertrauen aufbauen, von einer Wohlfühl-Atmosphäre und auch vom Ankommen-Lassen. Auf den ersten Blick scheint sich also viel verändert zu haben. Aber wenn man genauer hinschaut, meinen viele etwas anderes als das, was hier beschrieben wird...
Bei vielen Ansätzen ist „Vertrauen aufbauen" gekoppelt mit einem gewissen (methodischen) Trainingsprozess. Die 7 Spiele von Pat Parelli zum Beispiel werden als Beziehungsaufbau verkauft, sind im Kern aber Konditionierungssequenzen, die strukturierte Reaktionen einüben. Was dort entsteht, wird Vertrauen genannt – ist aber eigentlich Berechenbarkeit durch Wiederholung. Das Pferd weiß, was als nächstes kommt, weil es das Muster gelernt hat. Mit echter Beziehung hat das leider wenig zu tun.
Im ko-konstruktiven Verständnis ist Beziehung etwas grundlegend anderes. Sie steht vor dem Training, nicht innerhalb des Trainings. Sie entsteht nicht durch Übungen, sondern durch gemeinsames Sein. Im Stall. Bei den anderen Pferden. Im Alltag. Beim Fellkraulen. Durch Lesbarkeit, Präsenz und das geduldige Erklären der Welt.
Beziehung im Lebensraum des Pferdes
Damit hängt ein weiterer Aspekt zusammen, der oft übersehen wird: Beziehung entsteht im Lebensraum des Pferdes, nicht im Trainingskontext.
In den meisten klassischen Ansätzen wird das Pferd geholt, angebunden, geputzt und irgendwo hingeführt, wo das Training stattfinden soll – also immer in den Kontext, den der Mensch vorgibt. Der Reitplatz, die Halle, der Roundpen... Der erste Kontakt geschieht selten in der Welt des Pferdes – meist wird das Pferd direkt in die Welt des Menschen geholt.
Im ko-konstruktiven Verständnis dreht sich das um. Der Mensch geht zuerst zum Pferd, in seine vertraute Umgebung, mit seinen vertrauten Pferdefreunden. Er wird also Teil seiner Welt – bevor er erwartet, dass das Pferd Teil seiner Welt wird.
Aus diesen vielen kleinen Begegnungen wächst eine Vertrautheit, die später trägt. Wenn dann irgendwann gemeinsam etwas getan wird, geschieht es auf einem Fundament, das nicht durch Training, sondern durch gemeinsame Zeit und echtes, freies Kennenlernen gewachsen ist.
Zeit und Rhythmus
Schließlich gibt es noch einen Aspekt, der oft unterschätzt wird – auch in Trainings, die sich achtsam nennen: ko-konstruktives Lernen braucht Zeit.
Aber nicht im Sinne von „lange üben". Sondern im Sinne von Pausen, Verarbeitung und Stille. Beide Seiten brauchen Raum, um das Erlebte zu integrieren. Ein Pferd, das gerade etwas Neues erfahren hat, braucht oft nicht nur einen Moment, sondern auch einmal ein paar Tage, um es innerlich zu verarbeiten und tief zu integrieren. Diese Phasen sind nicht Pause vom Lernen – sie sind Teil des Lernens.
Wenn alles im Tempo der Methode geschieht, geht diese tiefe Verarbeitung verloren. Das Pferd kommt nicht mehr nach. Es funktioniert noch, aber es lernt nicht mehr wirklich. Ein ko-konstruktiver Rhythmus respektiert diese inneren Prozesse. Der Mensch lernt, Pausen auszuhalten – auch wenn von außen scheinbar nichts passiert. Gerade dort, wo nichts passiert, geschieht oft das Wichtigste.
Wie Bedeutung entsteht
Im Ko-Konstruktivismus wird Bedeutung nicht 1 zu 1 übertragen. Sie wird ausgehandelt. Was ein Wort, eine Geste oder ein Signal bedeutet, steht nicht von vornherein fest, sondern entsteht im Kontakt zwischen zwei oder mehr Wesen – durch gemeinsame Erlebnisse und Erfahrungen.
Diese Sichtweise unterscheidet sich grundlegend von älteren Modellen, in denen Bedeutung als feste Eigenschaft eines Signals verstanden wurde. Im behavioristischen Modell etwa hat ein Reiz eine klar definierte Bedeutung: Druck heißt Weichen. Klick heißt: Leckerli folgt. Kommando heißt vorgeschriebene Reaktion. Diese Bedeutungen werden vom Menschen festgelegt und dem Pferd antrainiert.
Im ko-konstruktiven Verständnis ist das anders. Eine Berührung, eine Bewegung oder ein Atemzug bekommen ihre Bedeutung erst durch den gemeinsamen Kontext. Dasselbe Signal kann zwischen zwei Pferd-Mensch-Paaren völlig Unterschiedliches bedeuten – weil beide eine andere gemeinsame Geschichte haben.
Bedeutung als gemeinsamer Sinn
Wichtig ist hier zuerst eine Unterscheidung. Es gibt eine Ebene der Verständigung zwischen Pferd und Mensch, die nicht erst aufgebaut werden muss. Sie ist bereits vorhanden, biologisch verankert in der gemeinsamen Säugetier-Natur. Pferde lesen menschliche Körpersprache, Atmung, Spannung und Bewegung unmittelbar und Menschen können, wenn sie wahrnehmen bzw. es gelernt haben, die Sprache der Pferde ebenfalls direkt verstehen. In diesem Sinne ist artübergreifende Kommunikation zwischen Pferd und Mensch sofort möglich. Ein Pferd, das einem fremden Menschen begegnet, der raumgebend, ehrlich und präsent ist, versteht ihn auf einer grundlegenden Ebene – ohne dass dafür eine gemeinsame Geschichte nötig wäre.
Innerhalb dieser universellen Grundlage entsteht jedoch ein zweiter Bedeutungsraum – einer, der individuell und durch gemeinsame Geschichte geprägt ist. Vieles, was ein Pferd mit einem Menschen erlebt, hat keine direkte Entsprechung in der nativen Pferdesprache: das Tragen eines Sattels zum Beispiel, oder gemeinsames gymnastizierendes Training, Hufpflege oder überhaupt geritten zu werden. Für all das gibt es keine angeborene Bedeutung. Sie muss zwischen Pferd und Mensch gemeinsam entstehen.
Auch innerhalb des alltäglichen Miteinanders entwickeln sich individuelle Bedeutungen. Eine bestimmte Berührung, ein bestimmter Tonfall, ein bestimmtes Ritual erhalten ihre Bedeutung erst durch das, was Pferd und Mensch miteinander erlebt haben.
Ein Beispiel verdeutlicht das. Wenn ein Mensch seine Hand auf die Schulter seines Pferdes legt, kann das viele verschiedene Bedeutungen haben. Für ein Pferd, das diese Geste mit Beruhigung verbindet, weil sie in vielen ruhigen Momenten gemeinsam erlebt wurde, ist sie ein Anker der Sicherheit. Für ein Pferd, das diese Geste mit dem Beginn einer schmerzhaften Behandlung assoziiert, ist sie ein Warnsignal. Für ein drittes Pferd, mit dem der Mensch diese Geste noch nie geteilt hat, ist sie schlicht eine neutrale Berührung.
Die Geste selbst ist in allen drei Fällen identisch. Was sie bedeutet, hängt nicht von der Geste ab, sondern vom gemeinsamen Sinn, der zwischen Pferd und Mensch über die Zeit gewachsen ist.
Genau das macht ko-konstruktive Kommunikation so individuell. Sie kann nicht aus einem Lehrbuch übernommen werden, sondern entsteht zwischen jedem konkreten Pferd-Mensch-Paar neu und individuell.
Embodiment
Bedeutung im ganzen Körper
Ein weiterer Aspekt ist eng damit verbunden, geht aber noch einen Schritt tiefer: Bedeutung entsteht nicht nur im Kopf, sondern im ganzen Körper.
In der modernen Kognitionsforschung wird dieser Aspekt unter dem Begriff Embodiment zusammengefasst. Embodiment beschreibt, dass Erkennen, Lernen und Verstehen nicht nur abstrakte mentale Vorgänge sind, sondern immer auch körperlich verankert. Was ein Wesen versteht, ist immer mit körperlichem Erleben verknüpft. Bewegungen, Haltungen, Atmung, Muskeltonus – all das ist Teil dessen, was als Verstehen bezeichnet wird.
Für die Pferdearbeit hat das weitreichende Konsequenzen. Pferde kommunizieren nicht über das Sprechen, wie wir Menschen, sondern über ihren ganzen Körper – durch Mimik, Gestik, Bewegung, Atmung, Spannung und Entspannung. Auch der Mensch kommuniziert mit seinem Körper, ob er will oder nicht. Was er innerlich erlebt, zeigt sich in seiner Haltung, seinem Atem, seinen Mikrobewegungen und das Pferd nimmt all das wahr.
Verstehen zwischen Pferd und Mensch ist daher kein rein kognitiver Vorgang, sondern überwiegend ein körperlicher. Beide Wesen lesen sich gegenseitig im Körper und beide antworten mit dem Körper.
Was beides zusammen bedeutet
Wenn man beide Aspekte zusammen betrachtet, ergibt sich folgendes: Ko-konstruktive Kommunikation ist nicht entweder universell oder individuell – sie ist beides. Sie ruht auf einer biologisch verankerten Grundlage, die Pferd und Mensch von Anfang an teilen, und entwickelt sich darüber hinaus durch gemeinsame Geschichte zu etwas Einzigartigem.
Genau das unterscheidet diese Form der Kommunikation von einer Methode. Methoden funktionieren mit festgelegten Bedeutungen und festgelegten Signalen, die unabhängig vom konkreten Wesen funktionieren sollen. Ko-konstruktive Kommunikation hingegen lebt davon, dass beide Wesen mit ihrem ganzen Körper, ihrer ganzen Geschichte und ihrer ganzen Aufmerksamkeit präsent sind – im jeweils konkreten Moment.
Selbstwirksamkeit beim Pferd
Selbstwirksamkeit ist ein Begriff aus der Psychologie und beschreibt die Erfahrung eines Lebewesens, dass das eigene Handeln einen Unterschied macht. Dass die eigenen Antworten zählen und die eigene Initiative etwas bewirkt.
Im Ko-Konstruktivismus ist Selbstwirksamkeit kein Nebenaspekt, sondern ein zentrales Element des Lernens. Ein Wesen, das nie erlebt, dass seine Antworten Gewicht haben, kann sich nicht als aktiver Mitgestalter seiner Welt verstehen. Es lernt vielleicht zu reagieren, aber nicht zu gestalten. Erst die Erfahrung, dass das eigene Handeln die Welt verändert, macht aus einem reagierenden Wesen ein autonomes Gegenüber.
Was Selbstwirksamkeit für Pferde bedeutet
In klassischen Trainingsformen ist die Rolle des Pferdes meist die des Empfängers. Der Mensch gibt Signale, das Pferd reagiert. Was das Pferd dabei selbst initiiert, wird oft nicht aufgenommen oder als Störung verstanden. Eigene Ideen werden korrigiert, eigene Antworten überschrieben. Über die Zeit lernt das Pferd: Meine Initiative zählt nicht. Ich werde nur dafür belohnt, das zu tun, was vorgesehen ist.
Diese Erfahrung hat Folgen. Pferde, die nie Selbstwirksamkeit erleben, entwickeln häufig zum Beispiel folgende zwei Reaktionsmuster. Manche werden passiv und stumpf. Sie warten ab, was gefordert wird, und führen es aus, ohne selbst etwas einzubringen. Andere werden hyperreaktiv und überangepasst – sie bieten ständig Verhalten an, immer schneller, immer perfekter, in der Hoffnung, das Richtige zu treffen. Beide Muster sind unterschiedliche Antworten auf dieselbe Erfahrung: Was ich von mir aus zeige, hat keinen Wert.
Im ko-konstruktiven Kontakt ist es umgekehrt. Die Antworten des Pferdes werden ernst genommen, auch dann, wenn sie nicht in den Plan des Menschen passen. Wenn ein Pferd sich abwendet, wird das nicht als Verweigerung verstanden, sondern als Information. Wenn es eine eigene Idee einbringt, wird sie aufgenommen. Wenn es seine Aufmerksamkeit auf etwas anderes richtet, wird das wahrgenommen und unterstützt, statt überschrieben.
Wie Selbstwirksamkeit entsteht
Selbstwirksamkeit lässt sich nicht antrainieren, sondern entsteht durch viele kleine Erfahrungen, in denen das Pferd erlebt: Mein Handeln wirkt. Mein Mensch nimmt wahr, was ich zeige. Was ich tue, verändert die Situation.
Das kann ganz alltäglich sein. Ein Pferd, das sich mit dem Hals und Kopf abwendet, wenn der Mensch zu nah kommt, und erlebt, dass der Mensch diesen Wunsch respektiert und auf Abstand bleibt. Ein Pferd, das eine bestimmte Idee anbietet, und erlebt, dass der Mensch darauf eingeht. Ein Pferd, das lustlos oder müde ist und das zeigen darf, ohne dass dennoch irgendein Programm durchgesetzt wird.
Diese Erfahrungen summieren sich. Mit der Zeit entwickelt das Pferd ein Gefühl dafür, dass es als Wesen zählt und ernst genommen wird. Dass es nicht nur ausführen muss, sondern mitgestalten darf. Daraus entsteht eine Form von innerer Lebendigkeit, die in vielen klassisch trainierten Pferden fehlt.
Selbstwirksamkeit ist wechselseitig
Wichtig ist, Selbstwirksamkeit nicht mit Beliebigkeit zu verwechseln. Ein selbstwirksames Pferd ist nicht ein Pferd, das tut, was es will, ohne Rücksicht auf Verluste – sondern ein Pferd, das in einem kommunikativen Miteinander erlebt, dass seine Antworten gehört werden.
Dabei gilt das gleiche Prinzip auch für den Menschen. Selbstwirksamkeit ist nicht einseitig, sondern wechselseitig. Auch der Mensch darf wirken, zeigen, was ihm wichtig ist und individuelle Grenzen setzen – nicht als Machtausübung, sondern als ehrliche Kommunikation. Wenn er das tut, lernt das Pferd ihn als ein Wesen kennen, das ebenfalls eine eigene Stimme hat.
Erst aus dieser gegenseitigen Selbstwirksamkeit entsteht echte Sicherheit. Ein Pferd, das seinen Menschen kennt, das eine gewachsene Beziehung zu ihm hat und das in einem klaren kommunikativen Austausch lebt, will dem Menschen nicht schaden. Im Gegenteil: Je kommunikativer das Miteinander, desto sicherer wird es. Der Mensch spürt früher, wann etwas kippen könnte. Das Pferd zeigt feiner und früher, wenn für ihn etwas zu viel wird. Beide bleiben aufeinander bezogen.
Pferde, die "laut" werden – die buckeln, beißen, in den Menschen reinrennen – sind nicht zu selbstwirksam. Sie sind schlichtweg nicht gut kommunikativ aufgehoben. Es fehlt das Fundament der Beziehung, die Verlässlichkeit der Kommunikation und oft auch ein Mensch, der seinerseits klar wirkt. Selbstwirksamkeit ohne Beziehung führt nicht zu Sicherheit, sondern kann auch schnell zu einer Eskalation führen. Erst die Verbindung beider Selbstwirksamkeiten – des Pferdes und des Menschen – schafft den Raum, in dem ein lebendiges, sicheres Miteinander möglich wird.
Die Haltung des Menschen
Der Ko-Konstruktivismus verändert nicht nur das Verständnis von Lernen, sondern auch die Rolle und Haltung des Menschen im Lernprozess. Während behavioristische Ansätze den Menschen als denjenigen verstehen, der Verhalten formt, korrigiert und steuert, verlangt der ko-konstruktive Zugang etwas grundlegend anderes. Er verlangt vom Menschen eine bestimmte innere Haltung – eine Haltung, die in vielen klassischen Ansätzen kaum thematisiert wird, hier aber zentral ist.
Drei Aspekte dieser Haltung sind besonders wichtig: das Verständnis von Fehlern, die eigene Rolle als Lernender und die Fähigkeit, Nicht-Wissen auszuhalten.
Fehler als Information
In klassischen Trainingsformen wird ein „Fehler" meist als Defizit verstanden, das es zu beseitigen gilt. Wenn das Pferd nicht das gewünschte Verhalten zeigt, gilt das als Problem. Etwas wurde nicht richtig gelernt, es muss korrigiert werden, bzw. durch Wiederholung oder Anpassung der Trainingsmethode behoben werden.
Im ko-konstruktiven Blick verändert sich dieses Verständnis grundlegend. Eine unerwartete Reaktion ist kein Fehler, sondern eine Information. Sie zeigt, dass an dieser Stelle etwas geschieht, das es lohnt zu verstehen. Innere Prozesse, Wechselwirkungen zwischen Pferd und Mensch, der Umwelt und vieles mehr... In jedem Fall ist die unerwartete Reaktion keine Störung, sondern ein Hinweis. Sie öffnet eine Tür zu einem tieferen Verständnis des Pferdes, das vor einem steht. Wer sie als Defizit behandelt und überschreibt, schließt diese Tür wieder. Wer sie als Information aufnimmt, lernt selbst dazu.
Der Mensch als Lernender
Damit hängt ein zweiter Aspekt eng zusammen: Im Ko-Konstruktivismus lernt der Lehrende immer mit. Es gibt nicht den Wissenden und den Unwissenden, den Trainer und Trainee und auch nicht den Lehrer und den Schüler in einem klassischen Sinne. Beide sind Lernende, allerdings in unterschiedlichen Rollen.
Für die Pferdearbeit bedeutet das: Der Mensch geht nicht mit fertigem Wissen zu einem unbekannten Pferd, sondern mit Offenheit. Er weiß nicht von vornherein, was dieses Pferd braucht, wer es ist, wie es lernt. Er findet es heraus, indem er sich auf das Pferd einlässt – jeden Tag neu. Das Pferd zeigt ihm, was es braucht, was es kann, wo seine Themen liegen, was ihm gut tut und was nicht.
Diese Sichtweise entlastet den Menschen vom Druck, immer alles wissen zu müssen. Im klassischen Verständnis trägt der Mensch die Verantwortung dafür, das richtige Vorgehen zu kennen. Im ko-konstruktiven Verständnis trägt er die Verantwortung dafür, wahrzunehmen und zu antworten und gleichzeitig auch die Bereitschaft, sich selbst durch das Pferd verändern zu lassen. Wer mit Pferden ko-konstruktiv arbeitet, wird über die Jahre nicht nur seine Pferde besser verstehen, sondern auch sich selbst.
Nicht-Wissen aushalten
Der dritte Aspekt ist vielleicht der schwierigste. Der Ko-Konstruktivismus verlangt vom Menschen die Fähigkeit, Nicht-Wissen auszuhalten. Nicht zu wissen, wie es weitergeht, was im nächsten Moment richtig ist, wann ein bestimmtes Ziel erreicht wird – oder ob es überhaupt so erreicht wird.
Methoden bieten an dieser Stelle eine Form von Sicherheit. Sie geben Schritt-für-Schritt-Anleitungen, klare Erfolgsmarker, vorhersehbare Abläufe. Wer einer Methode folgt, weiß zu jedem Zeitpunkt, was als nächstes ansteht. Diese Klarheit ist verlockend, weil sie das menschliche Bedürfnis nach Kontrolle bedient.
Im ko-konstruktiven Zugang fehlt diese äußere Sicherheit. Es gibt keinen festen Plan, keine garantierten Schritte oder vorhersehbaren Ergebnisse. Was geschieht, entsteht aus dem konkreten Moment zwischen Pferd und Mensch. Das verlangt vom Menschen, mit Unsicherheit umgehen zu können und in dieser Unsicherheit dennoch handlungsfähig und präsent zu bleiben.
Diese Fähigkeit entwickelt sich nicht von heute auf morgen. Sie wächst mit der Zeit, mit Erfahrung und mit dem Vertrauen darauf, dass im gemeinsamen Tun etwas entsteht, auch wenn der Weg dorthin nicht vorhersehbar ist. Wer diese Haltung kultiviert, gewinnt etwas, das eine Methode nie geben kann: die Fähigkeit, im Moment selbst zu denken und zu antworten – ohne sich an ein vorgegebenes System klammern zu müssen.
Die ehrliche Verantwortung
So wertvoll der ko-konstruktive Zugang ist, so wichtig ist es auch, ihn nicht zu romantisieren. Eine Beziehung zwischen Pferd und Mensch ist nie eine Beziehung zwischen vollständig Gleichen. Es gibt Asymmetrien, die nicht wegzudiskutieren sind und es gibt einen kulturellen Kontext, in dem das Leben jedes Pferdes stattfindet. Wer ko-konstruktiv arbeiten möchte, kommt um diese ehrliche Reflexion nicht herum.
Diese Auseinandersetzung ist jedoch nicht das Gegenteil von Begegnung auf Augenhöhe, sondern die Voraussetzung dafür. Erst wer die Verantwortung benennt, die in der Beziehung steckt, kann ihr auch gerecht werden.
Die strukturelle Asymmetrie
Mensch und Pferd begegnen sich in der heutigen Welt selten als gleichwertige Partner im praktischen Sinne. Der Mensch trifft die meisten Entscheidungen, die das Leben des Pferdes betreffen. Er entscheidet, wo es lebt, mit welchen Artgenossen, wann es Futter bekommt, wann der Tierarzt kommt, ob es geritten wird, ob es verkauft wird, … Diese Entscheidungsmacht ist real und sie verschwindet nicht, nur weil die Beziehung achtsam und respektvoll geführt wird.
Im Ko-Konstruktivismus wird diese Asymmetrie nicht ignoriert oder weggesprochen, sondern ehrlich benannt. Beide Wesen begegnen sich autonom und gleichwertig in ihrem Erleben und ihrer Würde, aber nicht in ihren Möglichkeiten, das gemeinsame Leben zu gestalten. Diese Differenz ist wichtig, weil sie eine besondere Verantwortung mit sich bringt. Der Mensch, der die größere strukturelle Macht hat, trägt damit auch die größere Verantwortung, im Sinne einer ehrlichen Reflexion: Welche Entscheidungen treffe ich für dieses Pferd? Was bedeuten sie aus seiner Perspektive? Welche Bedürfnisse erkenne ich an, welche überschreibe ich? Wo muss ich mein Pferd (für die Gesundheit) beschränken und wo lasse ich Freiräume? Usw. …
Diese Fragen lassen sich nicht ein für alle Mal beantworten. Sie begleiten jeden, der mit Pferden lebt und arbeitet. Aber sie zu stellen, ist Teil dessen, was eine ko-konstruktive Haltung ausmacht.
Der kulturelle Kontext
Ein zweiter Aspekt betrifft den Rahmen, in dem Mensch und Pferd sich begegnen. Pferd und Mensch sind keine Wesen derselben Art. Sie leben in unterschiedlichen kulturellen Kontexten, jedoch nicht im menschlichen Sinne von Nationen oder Gesellschaften, sondern im artübergreifenden Sinne. Pferde nehmen die Welt anders wahr, denken anders, fühlen anders und leben anders.
Wer ko-konstruktiv arbeiten möchte, muss sich in diesen anderen kulturellen Kontext hineindenken können, ohne Pferde zu mechanisieren und ohne sie zu vermenschlichen. Beides geschieht in der Pferdewelt häufig und beide Wege gehen am Wesen des Pferdes vorbei. Der ko-konstruktive Zugang verlangt eine offene, forschende Haltung. Der Mensch versucht, die Welt aus der Perspektive des Pferdes zu verstehen, ohne ihm Konzepte überzustülpen, die in der Pferdewelt nicht existieren – wie zum Beispiel hierarchische Strukturen oder menschliche Moralvorstellungen.
Hinzu kommt eine zweite Schicht: Jedes Pferd bringt eine individuelle Geschichte mit. Frühere Menschen, frühere Trainingsmethoden, frühere Erfahrungen prägen, was es vom Menschen erwartet. Ko-konstruktive Arbeit findet daher nie in einem Vakuum statt, sondern immer im Schatten dessen, was vorher war.




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