Vom gehorsamen Befehlsempfänger zum lebendigen Gegenüber
„Mach das mit Leckerli." - „Nein, so lernt es das nie richtig, da braucht's klare Ansagen." Wer sich mit Pferden beschäftigt, kennt diese Diskussionen: Die einen schwören auf positive Verstärkung mithilfe von Leckerlis, die anderen auf Druck und Konsequenz und jeder ist überzeugt, den richtigen Weg zu kennen.
Aber was, wenn dieser ganze Streit an der eigentlichen Frage vorbeigeht? Denn auf der Ebene des Gehirns passiert bei jedem Lernen ohnehin dasselbe - egal, mit welcher Methode. Das spannende ist deshalb nicht, welche Theorie „richtig" ist. Es gibt nämlich einen einzigen Unterschied, der wirklich alles verändert und der entscheidet, ob dein Pferd nur angepasst ausführt oder ob es wirklich mit dir lebendig kommuniziert.
TEIL 06 DER
EquiCoCreation™
Blogserie
Dieser Beitrag ist der sechste Teil einer „Freebie"-Reihe in sieben Teilen - ein neuer Blick darauf, wie Pferd und Mensch einander wirklich verstehen und ihr Miteinander gemeinsam gestalten können.
Du kannst sie natürlich in beliebiger Reihenfolge lesen, aber da alle Beiträge aufeinander aufbauen, ist die vorgegebene Reihenfolge sehr zu empfehlen.
Die drei Lerntheorien, die in dieser Blogserie behandelt wurden – Behaviorismus, Kognitivismus und Konstruktivismus mit seiner Erweiterung im Ko-Konstruktivismus – könnten vielleicht ab und zu so dargestellt worden sein, als würden sie sich gegenseitig ausschließen. Für eine klare Abgrenzung und Erklärung habe ich diese Formulierungen bewusst so gewählt. Doch tatsächlich beschreiben sie nicht drei verschiedene Phänomene, sondern drei verschiedene Beschreibungsebenen desselben Lernprozesses.
In der modernen Lernforschung wird kaum noch streng zwischen ihnen getrennt. Wenn ein Wesen lernt, geschehen mehrere Dinge gleichzeitig: Auf neurobiologischer Ebene verknüpfen sich Synapsen und Reize werden verarbeitet. Die behavioristische Perspektive beschreibt genau diese beobachtbare Ebene von Reiz, Reaktion und Konsequenz. Sie ist immer im Spiel, weil das Gehirn biologisch so funktioniert. Auf kognitiver Ebene werden Informationen verarbeitet, mit Erfahrungen verglichen, Erwartungen entwickelt. Und auf der Erfahrungs- und Beziehungsebene wird Bedeutung konstruiert und in den eigenen Lebenskontext integriert. Diese Ebenen sind nicht voneinander getrennt, sie sind verschiedene Beschreibungen desselben Prozesses, jeweils mit unterschiedlichem Fokus.
Jetzt könnte man denken, dass wenn ohnehin alle drei Ebenen immer mitlaufen - warum dann überhaupt umdenken? Warum nicht einfach behavioristisch weiterarbeiten? Genau hier liegt der eine Punkt, der nicht verhandelbar und auch keine Geschmacksfrage ist.
Was sie unterscheidet
Wenn die Ebenen nicht voneinander getrennt sind, stellt sich die Frage, worin die Lerntheorien sich dann eigentlich unterscheiden. Die Antwort liegt nicht im Inhalt, sondern im Fokus. Welche Ebene wird als die entscheidende verstanden? Welche prägt die Haltung des Menschen?
Ein behavioristischer Ansatz fokussiert auf die Reiz-Reaktions-Ebene. Er erklärt Lernen aus dieser Perspektive und gestaltet Training entsprechend. Innere Prozesse, Bedeutung, Beziehung werden dabei nicht geleugnet, aber sie sind nicht das, was die Methode steuert. Im Zentrum steht das beobachtbare Verhalten und seine Veränderung.
Ein ko-konstruktiver Ansatz fokussiert auf die Beziehungsebene. Behavioristische Mechanismen sind dabei nicht ausgeschlossen – sie laufen ohnehin im Hintergrund mit. Aber sie werden nicht zum Steuerungsprinzip gemacht. Im Zentrum steht das, was zwischen Pferd und Mensch entsteht.
Der entscheidende Unterschied: Kommunikation
Es gibt jedoch einen Aspekt, der die Lerntheorien tatsächlich klar voneinander trennt – und das ist die Frage der Kommunikation.
Im Behaviorismus geht es im Kern nicht um Kommunikation, sondern um Signal und Reaktion. Der Mensch sendet, das Pferd antwortet vorhersehbar. Was das Pferd dabei innerlich erlebt, was es selbst initiiert, was es mitteilen möchte, ist sekundär. Die Beziehung verläuft in eine Richtung. Es gibt keinen Dialog – es gibt einen Befehl und eine Ausführung.
Im Ko-Konstruktivismus ist Kommunikation der Kern. Ohne sie ist ko-konstruktive Arbeit gar nicht denkbar. Beide Wesen nehmen wahr, antworten und beeinflussen einander. Beide gestalten gemeinsam, was zwischen ihnen entsteht. Die Beziehung verläuft in beide Richtungen – es gibt einen echten Dialog.
Ein Pferd, das in einem rein behavioristischen Setting trainiert wird, lernt vielleicht wie es sich verhalten soll, aber es lernt nicht, mit dem Menschen ehrlich zu kommunizieren. Ein Pferd, das ko-konstruktiv begleitet wird, lernt nicht nur Verhaltensweisen, sondern erlebt sich als kommunikatives, selbstwirksames Gegenüber.
Das ist kein kleiner Unterschied, sondern ein grundsätzlich anderer Weg. Ein Pferd, das nur behavioristisch begleitet wird, kann perfekt funktionieren - aber es lernt nie, dass seine eigene Stimme zählt. Das ist der Unterschied zwischen einem Pferd, das ausführt, und einem, das mit dir kommuniziert.
Werkzeuge im Dienst der Beziehung
Aus diesem Verständnis heraus klärt sich auch eine Frage, die in der Pferdewelt oft polarisiert: die Frage nach den richtigen Werkzeugen. Halfter und Seil, Druck, positive Verstärkung, Leckerlie, Konditionierung ... all das wird von machen pauschal abgelehnt, von anderen pauschal verteidigt.
Im ko-konstruktiven Verständnis stellt sich die Frage anders. Werkzeuge sind nicht an sich gut oder schlecht. Sie sind Werkzeuge. Was sie aus ko-konstruktiver Sicht von einer Methode unterscheidet, ist ihr Einsatz:
Werden sie systematisch angewendet, weil eine Methode es vorschreibt?
Oder werden sie situativ gewählt, weil das konkrete Pferd in einem konkreten Moment davon profitiert?
Konditionierung (gerade positive Verstärkung) kann bewusst eingesetzt werden – etwa wenn sie einem Pferd hilft, eine schwierige, vielleicht sogar traumatische Situation zu meistern und dadurch immer wieder korrigierende Erfahrungen zu erleben. Halfter und Seil können bewusst eingesetzt werden – etwa wenn sie einem Pferd Konzentration ermöglichen oder Verbindung spürbar machen. Druck kann bewusst eingesetzt werden – nicht im Sinne von Eskalation, sondern als taktile Kommunikation, die dem Pferd etwas mitteilt, was es so aus der Pferdesprache nicht kennt, weil es aus der Menschenwelt kommt (wie Gymnastizierende Arbeit an der Hand oder das Reiten).
Entscheidend ist, dass diese Werkzeuge eingebettet bleiben in die übergeordnete Haltung: in Beziehung, Kommunikation und Wahrnehmung des konkreten Wesens. Sie sind nicht das Steuerungsprinzip, sondern Hilfsmittel im Dienst dessen, was zwischen Pferd und Mensch geschehen soll.
Wo das Werkzeug aufhört, Werkzeug zu sein
Hier ist mir eine klare Grenze wichtig, denn genau dieser Satz - „im Dienst der Beziehung" - wird oft missbraucht. Das Gebiss für „feinere Hilfen", die Sporen für „präzisere Signale", die Gerte als „verlängerter Arm"... Das klingt so erst einmal harmlos, meint aber meist nur eines: das eigene Signal genauer und notfalls schmerzhafter durchzusetzen.
Für mich verläuft die Grenze an zwei einfachen Fragen:
Dient es dem Pferd - oder mir?
Konditionierung, die einem Pferd hilft, ein angstbesetztes Objekt neu und sicher zu erleben, dient dem Pferd. Genauso auch Dinge, die wirklich wichtig sind (Tierarzt, Medizin, Hufpflege, ...), aber das Pferd erstmal nicht versteht, kann durch gezielte Konditionierung mithilfe von Leckerlis regelrecht schmackhaft gemacht werden. Ein Leckerli, welches jedoch den spanischen Schritt oder ein „Lächeln" vorführen lässt, weil ich das schön finde, dient mir und macht das Pferd zum Vorführobjekt, so freiwillig es auch aussehen mag.
Kommuniziert es - oder erzwingt es?
Halfter und Seil können sich für ein Pferd anfühlen wie Händchenhalten, wie eine spürbare, sichere Verbindung. Dasselbe Halfter kann aber auch zum Kontrollmittel werden, vor dem ein Pferd flieht. Nicht das Werkzeug entscheidet, sondern was du damit tust und welche Bedeutung es dadurch für das Pferd bekommt.
Eine Grenze aber ist nicht verhandelbar: Alles, was über Schmerz wirkt - (scharfe) Gebisse, Sporen, alles, was gezielt an bestimmten Nerven drückt, unnachgiebig hart ist, etc. - um etwas durchzusetzen - gehört hier nicht dazu. Auch wenn es gerne als Kommunikation betitelt wird, ist es das einfach nicht, wenn das Pferd schon schlicht durch das Material keine andere Wahl mehr bekommt.
Wie diese ,,Hilfsmittel" konkret wirken, habe ich in eigenen Beiträgen beschrieben:
Was am Ende bleibt
Ko-konstruktive Arbeit ist zwar keine Methode, aber am Ende hat man dennoch etwas sehr Handfestes. Man kann es nur nicht einfach auf das nächste Pferd übertragen, weil es mit genau diesem einen Pferd gemeinsam gestaltet wurde.
Durch die wiederholte Begegnung entsteht zwischen euch beiden Schritt für Schritt ein gemeinsames Repertoire aus aufeinander abgestimmtem Verhalten. Es ist eine verlässliche Verständigung, neben der nativen Pferdesprache, die keiner von euch mitgebracht hat und die genau für euch zwei gilt.
Dabei verändert sich etwas im Pferd selbst, denn was es am Anfang nur gemeinsam mit dir geschafft hat, kann es mit der Zeit ganz alleine. Deine Unterstützung war wie ein temporäres Gerüst - wenn es wegfällt, bleibt die Fähigkeit bestehen. Ein Pferd, das zum Beispiel mit dir gelernt hat, in einer schwierigen Situation zur Ruhe zu kommen, trägt diese innere Ruhe irgendwann in sich selbst. Nicht weil ihm das bestimmte Verhalten ,,ruhig stehen zu bleiben" antrainiert wurde, sondern weil sich seine Wahrnehmung der Situation verändert hat. Es zeigt echte Initiative, statt nur abzuwarten oder auf gut Glück Verhalten anzubieten – es erlebt, dass sein Handeln einen Unterschied macht. Du merkst es daran, dass ihr euch gegenseitig beruhigen könnt, dass dein Pferd viel früher und feiner signalisiert, wenn etwas kippt, und dass es selbst unter Anspannung im Kontakt mit dir bleibt, anstatt dichtzumachen.
Das Pferd wird vom Befehlsempfänger zum echten Gegenüber. Training wird vom sturen Programm zum lebendigen Dialog. Und Beziehung ist nicht mehr das erhoffte Endergebnis, sondern die notwendige Voraussetzung. Wie du diesen Weg im Alltag ganz konkret gehst – wo du Grenzen setzt, führst und Entscheidungen triffst –, darum geht es im nächsten Teil.
Und wenn du herausfinden möchtest, welche der Lerntheorien deinen Umgang mit Pferden prägt, kannst du hier den Selbsttest durchführen:




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