Was „Aufmerksamkeit fordern" beim Pferd wirklich anrichtet & wie du stattdessen echtes Interesse weckst
- Christina Schirmer

- vor 2 Tagen
- 12 Min. Lesezeit
In diesem Blog-Beitrag möchte ich veranschaulichen, warum erzwungene Aufmerksamkeit und echtes, vertrauensvolles Interesse zwei grundverschiedene Dinge sind, warum der Weg über Druck zwar funktioniert, aber einen Preis hat, den man oberflächlich gesehen nicht erkennt, und wie sich das Interesse eines Pferdes stattdessen auf friedliche, natürliche Weise wecken lässt.

Neulich habe ich ein Trainingsvideo von einem jungen Pferd gesehen, welches zum ersten Mal an einem fremden Ort war, der Fokus überall, nur nicht beim Menschen und am Ende der Einheit läuft es ruhig und brav am Seil mit. Eigentlich ein Paradebeispiel für so viele Erstbegegnungen zwischen Trainer:in und Pferd. Und es wird von Außen auch noch bewundert und gefeiert. Kommentare, wie "Wie schnell du reagierst, sehr schöne Arbeit", "Finde das Konditionieren von Tieren (artgerecht und friedlich) so spannend!", "ich liebe deine konsequente aber trotzdem sehr faire Art - ganz ganz tolle Arbeit!" oder "Super schön gelöst!"... Und tatsächlich ist oberflächlich nichts zu sehen, was man so direkt als Gewalt bezeichnen könnte. Keine Gerte, keine laute Stimme, kein grobes Reißen, wenn dann nur das Reagieren des Menschen auf das "extreme" Verhalten des Pferdes, welches am Ende ruhig geworden ist. Was kann also daran schon falsch sein?
Das Problem ist nicht, was man sieht. Das Problem ist, was man nicht sieht – weil es sich im Nervensystem des Pferdes abspielt und nicht vor der Kamera. Genau in dieser Lücke zwischen dem, wie etwas aussieht, und dem, was dabei wirklich im Pferd passiert, entscheidet sich, ob man gerade ehrliches und vertrauensvolles Interesse weckt oder Aufmerksamkeit schlichtweg erzwingt.
Der zerstreute Fokus ist keine Unart, sondern ein normales Verhalten
Am Anfang fast jeder solchen Einheit steht dasselbe Bild. Das Pferd ist mit allem beschäftigt, nur nicht mit dem Menschen vor oder neben ihm. Es schaut hektisch umher, es ruft vielleicht, es bewegt sich unruhig, seine Aufmerksamkeit springt von Reiz zu Reiz. In der gängigen Erzählung ist das ein Defizit, das es zu beheben gilt – ein Mangel an Respekt, Fokus und Führung, den der Mensch bzw. der/die Trainer:in nun durch Arbeit wieder herstellen muss.
Physiologisch betrachtet ist dieser Zustand aber exakt das, was ein intaktes Nervensystem in dieser Situation tun soll, als Flucht- und Herdentier. Doch "Fluchttier" greift viel zu kurz. Es ist ein hochsoziales, kognitiv anspruchsvolles Lebewesen, das seine Umgebung fortwährend bewertet, sich Orte und Menschen merkt und eben nicht bei jedem Reiz davonrennt. Würde es das tun, wäre es permanent auf der Flucht und hätte im echten Ernstfall keine Reserven mehr. Genau deshalb wägt ein Pferd ab, gewöhnt sich an das, was sich als harmlos erweist, und reagiert abgestuft, je nachdem, wie real eine Bedrohung ist. Was es an einem fremden Ort tut, ist also keine blinde Panik, sondern permanente Bewertung und Orientierung.
Trotzdem sind Neuheit und Isolation für seinen Organismus keine Lappalie, sondern ein echter, ernstzunehmender Stressor – nicht zuletzt, weil ein Pferd zutiefst auf Verbindung angewiesen ist und allein das Herausgerissensein aus dem vertrauten sozialen Gefüge belastet. Was wir dann als respektlosen „zerstreuten Fokus" bezeichnen, ist in Wahrheit genau diese Bewertungsarbeit. Das Pferd liest die Umgebung, sucht Anschluss und überprüft, woran es sich halten kann. Sein sympathisches Nervensystem ist aktiviert, weil dieser Zustand in genau dieser Lage sinnvoll und angemessen ist. Dieser Blick, der überall ist, nur nicht beim Menschen, ist also keine respektlose Unart oder ein Problem, was man wegarbeiten müsste. Er ist die Mitteilung eines denkenden, fühlenden Gegenübers über seinen inneren Zustand. Und die erste Weichenstellung im Umgang ist, ob man diese Information als Botschaft liest, der man einfühlsam begegnet – oder als Störung, die man unterdrückt.
Wie aus Stress „Aufmerksamkeit" gemacht wird
Der klassische Weg unterdrückt sie. Statt dem Pferd zu erlauben, sich zu orientieren und über Zeit, Habituation und ein vertrauenswürdiges Gegenüber herunterzufahren, wird ihm ein zweiter, vom Menschen kontrollierter Stressor obendrauf gelegt, und zwar das ständige In-Bewegung-Halten, das Verschieben von Schulter und Hinterhand bei jedem abdriftenden Blick oder wenn es am Seil zieht, buckelt, etc. Und – das ist der entscheidende Mechanismus – es gibt genau eine Antwort, die diesen zweiten Stressor abstellt, nämlich ruhig in der vom Trainer vorgesehenen Position mitzulaufen.
Das ist negative Verstärkung in ihrer reinsten Form. Ein unangenehmer Reiz wird hinzugefügt und dann genau in dem Moment weggenommen, in dem das Pferd das gewünschte Verhalten zeigt – die Wegnahme verstärkt dieses Verhalten. Negative Verstärkung funktioniert beim Pferd deshalb so verlässlich, weil Pferde evolutionär (zum Teil) darauf angelegt sind, Druck auszuweichen. Ein kleiner Exkurs: Ich schreibe "zum Teil", weil es tatsächlich nicht in Gänze stimmt. Ausweichen ist das, was ein Pferd auf eine ganzkörperliche Bedrohung tut, auf etwas, das aus der Distanz kommt und das Fluchtsystem anspringen lässt und genau dieses Fluchtsystem wird mit rhythmischem, treibendem Druck aus Distanz angesprochen, mit dem In-Bewegung-Halten der Vor- und Hinterhand und den schnellen Richtungswechseln. Auf ruhigen, stetigen eher Taktilen Druck dagegen, eine schiebende, drückende Hand, ein langwieriges Ziehen am Seil, reagiert ein (rohes) Pferd zunächst oft genau umgekehrt, nämlich indem es sich dagegenstemmt, um seine Balance nicht zu verlieren. „Dem Druck nachgeben" ist also nur zum Teil eine ehrliche erste Antwort des Pferdes und muss daher erst über Druck antrainiert werden. Was hier wie eine selbstverständliche, fast freiwillige Mitarbeit aussieht, ist also in Wahrheit eine Reaktion, die ebenfalls dem Pferd erst abgerungen wurde.
Und genau hier rückt ein Befund den ganzen Begriff „Aufmerksamkeit" in ein anderes Licht. Es gibt experimentelle Hinweise darauf, dass negative Verstärkung die Aufmerksamkeit eines Pferdes gerade deshalb bündelt, weil sie selbst ein aufgabenbezogener Stressor ist. In Untersuchungen zum Lernen unter Stress verschlechterte zusätzlicher, aufgabenfremder Stress die Lernleistung. Bei negativer Verstärkung jedoch weniger stark, vermutlich weil der aufgabenbezogene Druck die Aufmerksamkeit regelrecht auf die Aufgabe zwingt und konkurrierende Reize verdrängt. Übersetzt heißt das nichts anderes, als dass die „Aufmerksamkeit", die hier entsteht, keine echte, ehrliche Zuwendung ist. Sie ist die Verengung des Fokus unter Druck. Das Pferd ist nicht beim Menschen, weil dieser wirklich interessant und sicher geworden wäre, sondern weil der Druck alles andere ausgeblendet hat.

Ruhiges Verhalten ist nicht dasselbe wie ein ruhiges Nervensystem
Am Ende wirkt das Pferd ruhig, der Kopf senkt sich vielleicht, es läuft brav mit. Und hier entsteht das Problem, warum nach so einer Trainingseinheit Menschen applaudieren. Sie lesen das sichtbare Verhalten als inneren Zustand. Ruhe außen, also Ruhe innen.
Das stimmt so jedoch nicht. Sichtbares Verhalten und autonomer Zustand können weit auseinanderfallen, und das ist auch noch messbar. Die Herzratenvariabilität – also die feinen Schwankungen zwischen den einzelnen Herzschlägen – gilt als verlässliches Fenster in das autonome Nervensystem, weil sie die Balance zwischen Sympathikus und Parasympathikus abbildet. Akuter Stress lässt sie durch erhöhte sympathische Aktivität rasch absinken. Studien an Therapiepferden, die wegen ihres ruhigen Wesens ausgewählt wurden und nach außen keine auffälligen Stresszeichen zeigten, fanden trotzdem deutliche physiologische Stressreaktionen – erhöhtes Cortisol und veränderte Herzratenvariabilität. Das Pferd „funktioniert" ruhig, während sein Inneres unter Last steht.
Das ist das stärkste und am wenigsten angreifbare Argument, das ich kenne. Was außen wie Entspannung aussieht, kann innen ein Pferd unter weiterhin hoher sympathischer Aktivierung sein, das schlicht die Antwort gefunden hat, die den Druck abstellt. Das Verhalten ist unterdrückt. Die Erregung ist nicht aufgelöst.
Warum es „funktioniert" und was das wirklich für das Pferd bedeutet
Es funktioniert, ohne Frage. Aber es funktioniert nicht, weil eine vertrauensvolle Beziehung entstanden ist, sondern weil der Mensch sich zum einzigen Aus-Schalter gemacht hat. Das Pferd orientiert sich am Ende zur vom Menschen erwünschten Führposition, weil überall sonst Druck entsteht. Es ist die Flucht in die letzte verbleibende druckfreie Nische. Das sieht aus wie eine Hinwendung – und wird als solche beklatscht –, ist aber eine Vermeidungsreaktion. Genau diese Verwechslung von Vermeidung mit Verbindung ist der Kern des Missverständnisses.
Dieses Missverständnis hat einen Namen, den die Verhaltensforschung am Pferd seit Jahren kennt. In der Equitation Science wird ausdrücklich davor gewarnt, dass das, was Trainer als Unterordnung, Gehorsam und Trainingserfolg deuten, in Wahrheit ein Pferd sein kann, das aufgegeben hat, dem Druck zu entkommen. Dauerhaft widersprüchlicher oder schlecht getimter Druck, bei dem letztlich kein Verhalten zuverlässig Erleichterung bringt, kann in erlernte Hilflosigkeit kippen – jenen Zustand, den schon Seligmans berühmte Experimente zeigten, in denen Hunde, die längst aufgehört hatten zu fliehen, weiterhin hohe physiologische Stresswerte aufwiesen. Sie hatten nicht aufgehört, gestresst zu sein. Sie hatten aufgehört ihr Bedürfnis, auf Distanz gehen zu wollen, auszudrücken.
Jetzt will ich dich aber beruhigen. Eine einzelne, sauber ausgeführte Bodenarbeitseinheit erzeugt nicht direkt eine erlernte Hilflosigkeit. Was sie aber erzeugt, ist unterdrücktes Verhalten über ungelöster Erregung. Das eigentlich Problematische ist nicht der einzelne Tag – es ist das System dahinter, die Wiederholung und die Vorlage, nach der dann jede weitere Begegnung abläuft.
Was über die Zeit wirklich „herangezüchtet" wird
Denn wenn das die Grammatik (Methodik) jeder Einheit ist, lernt das Pferd über die Zeit drei Dinge, und keines davon ist das, was wir uns doch eigentlich wünschen...
Es lernt erstens, seine Eigeninitiative einzustellen. Jeder eigene Versuch, Sicherheit herzustellen – schauen, rufen, sich bewegen –, wird mit mehr Arbeit beantwortet, und nur das Aufgeben des eigenen Antriebs beendet den Druck. Wiederholt man das oft genug, entsteht ein Pferd, das nichts mehr von sich aus anbietet und das abwartet – genau dieses Pferd nennen wir dann „brav", "respektvoll", "aufmerksam" und „verlässlich".
Es lernt zweitens, nicht mehr zu kommunizieren. Der Ausdruck – Anspannung, Wegschauen, Unruhe, das Nein – sind ja exakt das, was hier „durchgearbeitet" wird. Das Pferd lernt also, dass Kommunikation nichts bewirkt. Und ein Pferd, dem man beigebracht hat, dass seine Kommunikation wirkungslos ist, hört nicht auf zu fühlen – es hört einfach nur auf, es uns zu zeigen. Das endet entweder im Pferd, das scheinbar „aus dem Nichts" explodiert, oder im Pferd, das innerlich längst abgeschaltet hat.
Und es trägt drittens eine chronische Last. Wenn die Gegenwart des Menschen dauerhaft mit unauflösbarem Anspruch verknüpft ist, lebt das Pferd in dieser Gegenwart in einem Zustand niedrigschwelliger Dauererregung. Was wir dann bewundern und „aufmerksam" nennen, ist nicht selten Hypervigilanz im Kostüm der Zuwendung – ein Pferd, das uns nicht aus echtem, verbundenem Interesse anschaut, sondern weil es uns nicht aus den Augen lassen kann.
Eine souveräne Ausstrahlung erlangt man nicht durch erzwingen von erwünschtem Verhalten
Verteidigt wird solche Arbeit gern mit einem erst einmal klug klingenden Argument. Es komme, heißt es dann, gar nicht so sehr darauf an, was man im Detail mache, sondern dass man einen Plan habe, souverän und konsequent sei und das auch ausstrahle. Das Pferd folge einem dann von selbst – so wie man in fremder Umgebung bei einer Wanderung lieber der Person folgt, die den Weg kennt und das glaubhaft vermitteln kann. Ein Kern Wahrheit steckt schon dahinter, ein Pferd sucht in einer unsicheren Lage tatsächlich Orientierung, es nimmt Führung dankbar an, es will ein Gegenüber, auf das es sich verlassen kann und gute Entscheidungen für beide trifft.
Nur trägt der Vergleich genau bis zu dem Punkt, an dem Zwang ins Spiel kommt. Einem Wanderführer, dem man vertraut, folgt man freiwillig. Man folgt ihm aber nicht, weil er jede andere Richtung mit Anstrengung oder Unbehagen belegt, bis der Weg an seiner Seite der einzige erträgliche ist. Genau das aber geschieht, wenn ein Pferd sich losreißen will, vor Angst gegenhält und erst dann „bei einem" ankommt, nachdem jede andere Möglichkeit unangenehm gemacht wurde. Ob jemand wirklich führt und sichere Orientierung gibt oder nur die Alternativen verschließt, erkennt man deshalb nicht an der Ausstrahlung des Menschen, sondern am Zustand des Pferdes. Ein Pferd, das sich wirklich sicher bei seinem Menschen fühlt, ist ihm lebendig zugewandt. Es darf sich in seinen verschiedenen Erregungen zeigen und ausdrücken, sucht aber die Gegenwart seines Menschen und lässt sich co-regulieren. Ein Pferd, das sich zuerst gegen die Hand stemmt und wegstrebt und dann wie von Zauberhand völlig ruhig und brav scheint, sagt überdeutlich, dass es hier gerade nicht um Vertrauen geht, sondern ums Aushalten.
Sicherheit kann nicht herbeitrainiert werden
Die eigentliche Alternative ist nicht „dasselbe, nur sanfter". Sie beginnt an einer komplett anderen Stelle, nämlich bei der Frage, unter welchen Bedingungen ein Pferd sich überhaupt von sich aus zuwendet. Echtes Erkundungs- und Interesseverhalten und akute Bedrohungsabwehr schließen sich weitgehend aus. Ein Pferd, dessen System mit Gefahr beschäftigt ist, kann nicht gleichzeitig neugierig sein. Sicherheit ist also nicht das nette Extra, das nach dem Training kommt – sie ist die Voraussetzung dafür, dass echtes Interesse überhaupt entstehen kann.
Und ja, der Mensch kann zu einer Quelle dieser Sicherheit werden, aber über einen völlig anderen Mechanismus als über den zuvor erklärten "Aus-Schalter". Forschung zum sogenannten social buffering zeigt, dass die Anwesenheit eines Menschen das Stresserleben eines Pferdes tatsächlich dämpfen kann. Aber die Art, wie sie das tut, ist sehr spannend. In einer Untersuchung war die Herzrate der Pferde in den ersten Minuten neben einem fremden Menschen sogar höher als allein, kehrte sich erst danach um, sank mit zunehmender positiver Interaktion und verstärkte ihre beruhigende Wirkung über die Zeit. Die regulierende Wirkung baute sich also erst nach einer kurzen Anpassungsphase auf.
Diesen Satz darf man ruhig noch einmal lesen, mit dem Eingangsbild im Kopf. Diese Anpassungsphase – der Fokus, der anfangs überall ist, nur nicht beim Menschen, das höhere Erregungsniveau in den ersten Minuten – ist nicht das Problem, das man wegarbeiten muss. Sie ist exakt der Prozess, durch den ein Pferd einen Menschen überhaupt erst als sicher einstufen kann (wenn es positive Erfahrungen mit ihm macht). Wer sie unter Druck überspringt, trainiert nicht die Sicherheit herbei. Er trainiert nur das Zeigen der Unsicherheit weg.
Wie du das vertrauensvolle Interesse deines Pferdes wecken kannst
Was wäre also die Alternative, ganz konkret, mit einem Pferd wie im genannten Beispiel? Zuerst einmal gar nicht erst versuchen, Aufmerksamkeit zu erzwingen. Die meisten Pferde sind an einem fremden Ort dazu schlicht noch nicht in der Lage, und sie brauchen auch etwas völlig anderes. Sie brauchen Begleitung in ihrer Orientierung und vor allem Zeit. Vielleicht auch – bei besonders unsicheren Pferden – einen sicheren Pferdekumpel an der Seite, mit dem sich ein neuer Ort gemeinsam erkunden lässt. Und die Möglichkeit, sich erst einmal frei zu bewegen, denn freie, selbstbestimmte Bewegung ist eines der wirksamsten Mittel, mit denen ein Pferd sein eigenes Nervensystem regulieren kann. Eingeschränkte Bewegung ist umgekehrt ein messbarer Stressor, der bis zu Stereotypien, pessimistischer Grundstimmung und schlechterer Lernfähigkeit reicht, und Pferde, die endlich auf eine größere Fläche dürfen, zeigen einen regelrechten Bewegungs-Rebound. Wichtig ist nur ein Unterschied: Es geht um Bewegung, die das Pferd selbst wählt, nicht um die, die ihm jemand abverlangt. Genau das ist der Bruch zwischen den beiden Wegen – das eine ist In-Bewegung-gehalten-Werden, das andere ist Sich-bewegen-Dürfen.
Dabei stehen wir nicht einfach unbeteiligt daneben. Wir beobachten genau und spüren, wann unser Einsatz gefragt ist und genau darüber zeigen wir auf ganz natürliche Weise, dass wir vertrauens- und orientierungswürdig sind. Hat das Pferd Angst vor etwas, gehen wir selbst hin und beschäftigen uns ruhig damit. Ob es dann neugierig mit- bzw. dazukommt oder auf Abstand bleibt und nur zuschaut, ist beides eine gültige Antwort, die wir honorieren. Dass wir die Angst des Pferdes überhaupt sehen und auf sie eingehen, statt sie wegzuarbeiten, beeindruckt jedes Pferd – es hat dann keinen Befehlshaber vor sich, sondern jemanden, der es versteht. Pferde nutzen den emotionalen Ausdruck des Menschen als Orientierung. Geht ein Mensch einer Sache ruhig und zugewandt entgegen, nähert sich auch das Pferd ihr eher und meidet sie weniger, ist der Mensch ängstlich bzw. vorsichtiger, wird das Pferd wachsamer.
Schaut das Pferd in die Ferne, kann man sich dazustellen, in dieselbe Richtung blicken und ruhig erzählen, was man da sieht, und dass das alles ganz normal ist. Das wirkt gleich mehrfach. Die eigene Stimme beruhigt und während man in Worte fasst, was man wahrnimmt, beruhigt man zuerst sich selbst, weil das Benennen von Eindrücken die Amygdala messbar herunterregelt. Diese Ruhe überträgt sich, Pferd und Mensch synchronisieren sich, richten den Blick gleich aus, nehmen gemeinsam wahr. Es gibt erste Studien, die zeigen, dass sich die Herzschlagmuster von Mensch und Pferd tatsächlich angleichen, am stärksten dann, wenn das Pferd die Erkundung führen darf. Das Pferd spürt, dass sein Mensch die Lage entspannt einordnet, also muss es selbst nicht weiter beunruhigt sein. In der Herde geschieht ständig genau das. Ein Pferd ist von etwas verunsichert und starrt es aus der Ferne an. Ein anderes sieht das, blickt zu diesem alarmierten Pferd um auszumachen, wo es hinsieht und schaut sich das Ganze ebenfalls genau an. Dann registriert entweder das eine oder das andere Pferd, dass es nichts schlimmes ist, die Körperspannung lässt nach, es wird abgeschnaubt oder der Kopf wird gesenkt und beide entspannen sich wieder. Wir können dem Pferd genau dieses ruhige Gegenüber sein.
Das braucht Feingefühl, und es braucht oft mehr Zeit, bis ein Pferd in einer neuen Umgebung von selbst herunterfährt oder sich gut co-regulieren lässt. Aber diese Zeit ist nicht der Preis für den Weg, sie ist der Weg. Sie ist genau das, woraus echtes, vertrauensvolles Interesse entsteht. Und am Ende baut sich ein sehr viel stärkeres Fundament auf, weil das Pferd dann wirklich ruhig an der Seite des Menschen ist und es nicht nur spielt.
Worum es also wirklich geht
Und damit bleibt eine Frage, die unbequemer ist als alles andere. Wenn der friedliche Weg ein Pferd hervorbringt, das wirklich ruhig ist, vertraut und von sich aus bei einem bleibt. Und der schnelle Weg nur ein Pferd hervorbringt, das ruhig zu sein scheint – warum wird dann fast überall der schnelle gelehrt, beklatscht und verkauft? Die ehrliche Antwort hat leider nichts mit dem Pferd zu tun. Der erzwungene Weg ist schneller, er ist filmbar, er gibt uns das Gefühl von Kontrolle und Können, und ein Pferd, das sich an uns klebt, schmeichelt uns nun einmal mehr, als wir zugeben mögen. Nichts davon braucht das Pferd, im Gegenteil. Das Pferd zahlt die Differenz zwischen den beiden Wegen leider in einer Währung, die auf keinem Video zu sehen ist – in dem, was in ihm vorgeht, während es endlich „brav" neben uns steht.
Quellen & Links zum Weiterlesen
Valenchon et al. (2017): Stress affects instrumental learning based on positive or negative reinforcement in domestic horses, PLOS ONE – negative Verstärkung wirkt als aufgabenbezogener Stressor, der die Aufmerksamkeit auf die Aufgabe verengt. https://journals.plos.org/plosone/article?id=10.1371/journal.pone.0170783
Schrimpf et al. (2020): Social Referencing in the Domestic Horse – Pferde richten ihr Verhalten gegenüber Neuem am positiven oder negativen Ausdruck des Menschen aus. https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC7022515/
Di Lucrezia et al. (2025): The power of interspecific sociality: how humans provide social buffering for horses, Animal Cognition – Mensch als sozialer Puffer, Herzrate in den ersten Minuten höher, sinkt erst nach kurzer Anpassungszeit. https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC11903558/
Unveiling directional physiological coupling in human-horse interactions (2024) – bidirektionale Synchronisation der Herzratenvariabilität zwischen Mensch und Pferd, am stärksten bei vom Pferd geführter Erkundung. https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC11414536/
Lieberman et al. (2007): Putting Feelings Into Words (Zusammenfassung der UCLA) – das Benennen von Gefühlen senkt die Aktivität der Amygdala. https://www.uclahealth.org/news/release/putting-feelings-into-words-produces-therapeutic-effects-in-the-brain-ucla-neuroimaging-study-supports-ancient-buddhist-teachings
Confinement, restriction of social contacts and movement in horses (HAL, frei zugänglich) – eingeschränkte Bewegung als Stressor, freie Bewegung als Regulations- und Wohlfahrtsfaktor. https://hal.science/hal-05274213v1
Stomp et al. (2018): An unexpected acoustic indicator of positive emotions in horses, PLOS ONE – Schnauben als möglicher Indikator für positive Emotionen und Entspannung. https://journals.plos.org/plosone/article?id=10.1371/journal.pone.0197898
An observational evaluation of stress in horses during therapeutic riding sessions (Journal of Veterinary Behavior, 2021) – Therapiepferde werden gezielt wegen ihres ruhigen Temperaments ausgewählt und zeigen deshalb oft keine offensichtlichen Stresszeichen, weshalb die Studie Verhalten, Speichelcortisol und Herzratenvariabilität als Stressmaße heranzog. Volltext hinter einer Paywall, das Abstract ist frei lesbar. https://www.sciencedirect.com/science/article/abs/pii/S1558787821001714
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