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HORSENSATION

Warum Konsequenz & Führung beim Pferd keine Härte braucht

vor 1 Tag
9 Min. Lesezeit

Kann man die Führung ohne Druck übernehmen beim Pferd? Konsequent sein, ohne Härte? Grenzen setzen, ohne die Beziehung zu belasten?


Für viele klingt das nach einem Widerspruch, denn Wörter wie Führung, Konsequenz und Respekt stellt man sich meist als nicht so harmonisches Bild zwischen Pferd und Mensch vor. Kein Wunder, dass die einen davor zurückschrecken und die anderen überzeugt sind, ohne sie gehe es eben nicht. Dabei sind diese Wörter an sich neutral. Es kommt nur darauf an, mit welcher Bedeutung man sie füllt und wie man sie beim Pferd tatsächlich auslebt.



TEIL 07 DER

EquiCoCreation™

Blogserie


Dieser Beitrag ist der letzte Teil einer „Freebie"-Reihe in sieben Teilen - ein neuer Blick darauf, wie Pferd und Mensch einander wirklich verstehen und ihr Miteinander gemeinsam gestalten können.


Du kannst sie natürlich in beliebiger Reihenfolge lesen, aber da alle Beiträge aufeinander aufbauen, ist die vorgegebene Reihenfolge sehr zu empfehlen.




Durch den Verlauf der Blogserie ist dir jetzt vielleicht vieles an Sicherheit oder Gewohnheit weggebrochen. Aber es ist auch viel Neues hinzugekommen. Die Sicherheit, die vorher in Methoden lag, kann sich nun in der Beziehung wiederfinden. Im gegenseitigen Vertrauen, dass Pferd und Mensch eigentlich Ähnliches wollen. In der Erkenntnis, dass das Pferd nicht gegen den Menschen ist, sondern auf seine Weise Informationen mitteilt. Im Verständnis, dass nichts perfekt sein muss und dass Pferde sehr viel intelligenter und vor allem komplexer sind, als wir lange angenommen haben.


Aus dieser Haltung heraus wird das Miteinander ko-kreativ. Es entsteht ein neues Fundament, das keine Rangordnungsklärung mehr braucht und keine methodische Vorgehensweise. Vielleicht fragst du dich nun, ob du dann überhaupt noch etwas verlangen darfst, Grenzen ziehen oder Entscheidungen treffen darfst. Ja, das darfst und sollst du sogar. Nur eben auf einer etwas anderen Weise vielleicht, als man es so grundsätzlich lernt. Deswegen möchte ich dir eine kleine, aber wichtige Auswahl an Themen aufzeigen, die wir gemeinsam aus der EquiCoCreation™-Perspektive betrachten.



Grenzen setzen


Dass es keine Rangordnung gibt, bedeutet nicht, dass du keine Grenzen setzen darfst – im Gegenteil – sie sind ein wichtiger Bestandteil jeder Beziehung.

Auch Pferde untereinander setzen Grenzen, indem das eine Pferd ein anderes durch unter anderem Ohrenanlegen zeigt, dass dieses Pferd ihm zum Beispiel gerade zu nahe kommt. Das ist jedoch keine Hierarchie, sondern einfach nur Kommunikation: „Mir ist hier gerade zu eng mit dir."


Für deinen Umgang mit deinem Pferd heißt das, dass du natürlich Grenzen ziehen darfst. Aber nicht auf die Weise, dass du pauschal eine Regel übernimmst, die dir Jemand gesagt hat, wie zum Beispiel wie groß dein Individualraum zu sein hat. Sondern weil du ein echtes, authentisches Gefühl hast, ab wann dir dein Pferd zu nahe kommt. Genau dieses Gefühl ist entscheidend. Pferde lesen nicht nur das Verhalten, sondern das, was dahintersteht. Eine Grenze ohne echtes Empfinden (oder auch widersprüchliches Empfinden) wirkt leer, komisch und wird auf Dauer in Frage gestellt. Eine Grenze, die du wirklich fühlst, wird verstanden.


Auch das Wie ist dabei entscheidend. Das kann ein Blick, eine kleine Bewegung, ein Schritt aufs Pferd zu oder ein leiser Laut sein. Wenn das nicht ankommt, kannst du selbst aus dem Raum gehen. Das ist keine Niederlage – nur eine andere Form von Kommunikation und Klarheit.


Selbsterfahrung

Grenze ziehen, wie nah dir (d)ein Pferd kommen darf

Gehe zu deinem Pferd in den Stall und schau, wie du dich fühlst, wenn es sich dir nähert, ohne dass du etwas tust. Fühle in dich hinein, ab wann sich etwas Unangenehmes in dir ausbreitet. Ab da wäre eigentlich deine ganz persönliche Grenze erreicht. Diese Grenzen können aber auch im unterschiedlichen Kontexten gelegt werden. Auch Pferde untereinander haben in unterschiedlichen Kontexten unterschiedliche Grenzen. Wenn du zum Beispiel merkst, dass sich gar kein unangenehmes Gefühl ausbreitet, wenn sich dir dein Pferd nähert, dann ist es auch völlig in Ordnung, es ganz zu dir zu lassen. Wenn es dann bei dir irgendwann ein Verhalten zeigt, das dir unangenehm wird – z.B. ruppig – dann schieb es nicht am Körper weg (das würde es eher als lustige (oder auch unangenehme) Rangelei wahrnehmen, weil die Art der Kommunikation für das Pferd dann keinen Sinn mehr macht), sondern gehe einfach aus der Situation raus und denke oder sage: „Nein, das mag ich grad nicht". Irgendwann wirst du erkennen, wann das Ruppige wieder beginnen wird und bereits vorher deine Grenze kommunizieren, ohne weggehen zu müssen.



Führung übernehmen


Führung ist bei Pferden essenziell, aber nicht aus einem Rangordnungs- oder Hierarchiegedanken heraus. Pferde wissen, dass wir keine Pferde sind, und sie wissen auch, dass mit uns immer irgendetwas „lauert", weil wir Teil einer menschengemachten Welt sind, die für sie nicht selbstverständlich ist. Gleichzeitig bringen wir Menschen etwas mit, das Pferde anscheinend fasziniert. Wir können ihnen Sicherheit in einer Welt geben, die nicht ihre ist, wir können sie co-regulieren – auch ganz ohne aktives Zutun – und wir können ihnen neue Erfahrungen ermöglichen, innerlich wie äußerlich, durch die sie sich weiterentwickeln.


Führung müssen wir dabei weder trainieren noch erkämpfen, schon gar nicht über Machtspielchen wie das klassische Join-Up. Sie entsteht durch ganz andere Aspekte: dadurch, dass wir Vorbild sein können, dass wir Entscheidungen treffen, Situationen gut einschätzen und unser Pferd sicher hindurchbringen, dass wir berechenbar und lesbar sind, dass wir freundlich und dennoch klar bleiben – mit dem, was man friedvolle Konsequenz nennen könnte.


Konsequenz bedeutet hier nicht, etwas mit Ach und Krach durchzusetzen, sondern auch kreativ zu bleiben und – ganz im Sinne des Ko-Konstruktivismus – den eigenen Plan, Weg oder die eigene Entscheidung dem Pferd und seinem Nervensystem entsprechend anzupassen.

Das Pferd orientiert sich also nicht an uns, weil wir es korrigieren, Respekt einfordern oder durch ein „Wer bewegt wen"-Spiel beeindrucken, sondern weil wir ihm beweisen, dass wir die Kriterien erfüllen, an denen es sich gerne ausrichtet – weil wir uns gut anfühlen, gute Entscheidungen treffen, es sicher durch schwierige Momente bringen, vorbildlich handeln und kommunikativ bleiben.


Wenn man sich ein passendes Bild dazu vorstellt: Ein guter König oder eine gute Königin herrscht nicht über das Volk – er oder sie dient dem Volk. Genauso ist es bei der Führung des Pferdes. Wir beherrschen es nicht – wir dienen ihm. Und genau das macht den Unterschied darin, wie das Pferd uns wahrnimmt und ob es sich freiwillig an uns orientiert oder eben nicht.



Friedvolle Konsequenz


Das Wort „Konsequenz" wird in der Pferdewelt häufig negativ betrachtet, weil damit oft etwas Lauerndes gemeint ist – als folgte einer unerwünschten Handlung des Pferdes eine negative Konsequenz, wie eine Strafe (Druck, scheuchen, Klaps). So ist es hier nicht gemeint. Konsequenz bedeutet eigentlich nur, dranzubleiben und nicht zu schnell nachzugeben, aber immer nur im richtigen Kontext, und immer eingebettet in eine friedliche Kommunikation. Es bedeutet vor allem in sich selbst stimmig zu bleiben, lesbar und berechenbar zu sein.


Wenn ich zum Beispiel mit meinem Pferd über eine Wiese gehe und meine Entscheidung ist, dass wir nicht grasen, dann bleibt meine Hand am Strick erhöht und der Strick kurz. Jedes Mal, wenn das Pferd den Kopf senkt, um zu fragen, bleibt meine Antwort dieselbe: „Nein, wir grasen jetzt nicht." Meine Körpersprache verändert sich nicht. Ich gebe nicht nach, weil es mir zu anstrengend wird, weil mir das Pferd leid tut oder weil das Gras besonders saftig aussieht. Ich bleibe in meinem Tun und in meiner Körpersprache klar und damit für das Pferd lesbar. Nach ein paar Nachfragen weiß es: Auf dieser Wiese grasen wir nicht.


Genauso beim Spazierengehen: Wenn ich mich für einen Weg entschieden habe und das Pferd ein Objekt entdeckt, das es genauer untersuchen möchte, schaue ich, ob es einen entwicklungsfördernden Grund gibt, dem nachzugeben. Wenn nicht – etwa weil das Objekt schon oft erforscht wurde – ist es für mich konsequent, friedvoll und kommunikativ weiterzugehen und das Pferd sanft von der Sache abzulenken.

Was hingegen ungünstig ist: das Pferd anzusprechen, weiterzugehen, dann doch wieder nachzugeben, weil es so dringend hin will, und dann wieder mein „Eigentlich wollte ich weiter" einzufordern. Diese Art des ständigen Nachgebens kann dazu führen, dass das Pferd den Menschen irgendwann nicht mehr ernst nimmt – schließlich entscheidet er sich ja sowieso ständig um. Warum sollte es dann überhaupt mitkommen, wenn der Mensch wieder etwas vorschlägt? Friedvolle Konsequenz heißt also nicht, etwas mit Härte oder Druck durchzusetzen, sondern in sich klar, lesbar und berechenbar zu bleiben. Genau diese Eigenschaften geben dem Pferd Halt und Orientierung.



Gegenseitiger Respekt


In der Pferdewelt wird bei fast jeder unerwünschten Verhaltensweise schnell vermutet, das Pferd habe „keinen Respekt" vor dem Menschen. Die übliche Antwort darauf ist dem Pferd Respekt über „Wer bewegt wen", Round-Pen-Arbeit, Join-Up-Methodiken oder das überdeutliche Durchsetzen des eigenen Individualraums beizubringen. Doch wenn man genauer hinschaut, liegt das Problem fast immer beim Menschen – nicht beim Pferd. Und meistens zeigen sich zwei Muster.


Das erste Muster ist eine sehr körperlich-taktile Kommunikation. Der Mensch holt das Pferd aus der Box, streicht unachtsam über seinen Kopf, fuchtelt mit dem Halfter, ist mit den Gedanken beim Gespräch mit dem Stallkollegen. Will das Pferd losgehen, stemmt sich der Mensch mit seinem ganzen Körpergewicht dagegen, packt es am Halfter, zieht es zu sich heran. Beim Wenden ist der Strick so kurz, dass das Pferd dem Menschen gar nicht ausweichen kann – also wird es an Schulter und Hals zur Seite geschoben. Und dann ärgert sich der Mensch, dass das Pferd „keinen Respekt vor seinem Raum" hat.

Wie soll ein Pferd in solchen Situationen lernen, Abstand zu halten? Es lernt das Gegenteil: Mit Menschen ist man eben permanent auf Tuchfühlung. So wird die Sprache zwischen Pferd und Mensch von Anfang an festgelegt.

Wenn du das ändern möchtest, beginnt der Wandel bei dir selbst. Behandle dein Pferd so, wie du selbst behandelt werden willst und so, wie du dir wünschst, dass es sich dir gegenüber verhält. Wenn du nicht möchtest, dass es ständig auf Tuchfühlung kommt, dann höre auch selbst auf, es ständig zu schieben und zu drücken. Lass den Strick etwas länger, weiche aus, gib ihm keine körperliche Anlaufstelle mehr.


Das zweite Muster ist eine inkonsequente Kommunikation – wie wir es im vorherigen Thema schon angesprochen haben. Wenn nie etwas eine klare, lesbare Bedeutung hatte, schaltet das Pferd irgendwann ab. Es schätzt den Menschen dann anders ein, als dieser sich gerne sehen würde und das nicht aus Boshaftigkeit, sondern weil es schlicht nichts anderes hat, woran es sich orientieren könnte.

In dem Fall braucht es zunächst einen Menschen, der in sich konsequent ist – also berechenbar und lesbar. So friedvoll wie möglich. Es geht nicht darum, Respekt einzufordern oder zu lehren, sondern darum, sich selbst als ein ernstzunehmendes Gegenüber zu zeigen. Wenn das Pferd den Menschen bereits sehr stark als unzurechnungsfähig kennengelernt hat, kann es am Anfang nötig sein, klare und auch deutlichere Grenzen zu ziehen. Doch das Ziel bleibt immer das gleiche: feiner zu werden, Vorbild zu sein und friedlich zu kommunizieren – statt mit Härte etwas durchzusetzen.


Respekt entsteht nicht durch Machtdemonstration. Er entsteht, wenn beide Seiten einander als eigenständige, ernstzunehmende Wesen wahrnehmen und sich entsprechend verhalten.


 


Über Vertrauen und abschließene Worte


Vielleicht hast du beim Lesen dieser vier Begriffe gemerkt, dass es noch viele weitere Worte in der Pferdewelt gibt, die genauso eine Neubetrachtung verdienen würden. Vielleicht magst du ja selbst einmal innehalten und überprüfen, welche Begriffe du im Umgang mit deinem Pferd verwendest und ob diese wirklich das ausdrücken, was du eigentlich mit deinem Pferd leben möchtest, oder ob sie eher vorgegebene Schablonen sind.


Etwas, was in der Pferdewelt besonders oft missverstanden wird, ist das Vertrauen, weshalb ich das Thema noch einmal kurz anschneiden möchte. Vertrauen und Beziehung sind keine Trainingsziele, die du erreichen kannst, indem du bestimmte Übungen oft genug wiederholst, sondern sie wachsen organisch zwischen euch, auf eine Weise, die nichts mit Trainingsfortschritten zu tun hat, sondern eher mit gemeinsamer Zeit, geteilten Momenten und vielen kleinen Erfahrungen, die ihr gemeinsam macht. Vor allem aber bedeutet Vertrauen niemals, dass dein Pferd wie eine geölte Maschine funktioniert oder dass es jeden deiner Wünsche reibungslos ausführt – das wäre nicht Vertrauen, sondern Gehorsamkeit, erzeugt durch (methodische) Konditionierung. Echtes Vertrauen zeigt sich vielmehr darin, dass dein Pferd sich selbst mitteilen darf, dass es Bedürfnisse äußern kann, dass es widersprechen darf und dass aus eurem Miteinander ein echter Dialog wird, statt ein Puppenspiel, in dem der Mensch die Fäden zieht und das Pferd nur ausführt.


Wenn dir bei diesem Gedanken vielleicht ein leises Unbehagen aufsteigt, weil es sich anfühlt, als würdest du Kontrolle abgeben, dann möchte ich dich beruhigen. Was wir oft als Kontrolle erleben, ist eigentlich eine Illusion, da Methoden uns zwar das Gefühl von Sicherheit geben, solange alles im gewohnten Rahmen bleibt, aber sobald eine unerwartete Situation eintritt – eine, die wir nicht eingeübt haben oder auf die wir vorbereitet sind – zerfällt diese Sicherheit oft in Sekunden. Eine wirklich tragende Sicherheit entsteht nicht durch Kontrolle, sondern durch Verbindung – durch das Vertrauen darauf, dass ihr beide gemeinsam durch eine Situation hindurch finden könnt, auch wenn ihr sie nicht vorhersehen konntet, weil ihr im Dialog miteinander seid und nicht in einem starren Drehbuch.


Und vielleicht ist das am Ende auch das Schönste an diesem neuen Blickwinkel – dass er dich nicht nur entlastet von dem Anspruch, alles kontrollieren zu müssen, sondern dass er dich auch einlädt, deinem Pferd auf eine viel ehrlichere und lebendigere Weise zu begegnen, als es jede Methode jemals zulassen könnte.


♥

Christina

Teil der EquiCoCreation™ Blogserie


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